Inventur im Wald: Deutschland zählt seine Bäume

Bei alten Buchen mit minderwertigem Holz stellt sich die Frage: Wirtschaftlich nutzen oder besser stehen lassen?
Lohbrügge/Eberswalde. Weltweit schreiten Kahlschlag und Vernichtung von Wäldern voran, geht Fläche in der Größe von 35 Fußballfeldern verloren - jede Minute. In Afrika und Südamerika, in Indonesien, aber auch Kanada und Finnland frisst die Holz- und Papierindustrie teils Jahrhunderte alte Urwälder.

Zudem müssen immer mehr Kohlendioxid speichernde Wälder neuen Viehweiden, Palmöl-Plantagen oder Zuckerrohrfeldern für angeblich umweltfreundlichen Biosprit weichen. Anders in Deutschland: Bei uns wachsen Holzmenge wie auch Waldfläche seit der Wiedervereinigung. Diese Tage beginnt die dritte Bundeswald-Inventur in allen deutschen Wäldern - ein klein wenig wie eine geheime Kommandosache.

"Es ist die erste deutschlandweite Waldinventur, bei der vorigen waren die neuen Bundesländer noch außen vor", erläutert Dr. Michael Wehling, Sprecher des in Braunschweig ansässigen Bundesforschungsinstituts für Ländliche Räume, Wald und Fischerei. Rechnerisch kommen auf jeden der gut 80 Millionen Deutschen etwa 100 Bäume: Zwischen Flensburg und Garmisch, vom Rheingraben im Südwesten bis zur Oder im Osten wachsen bei uns acht Milliarden Bäume.

An 60 000 Stellen sollen bis Ende 2012 etwa 400 000 Probebäume vermessen und weitere Daten erhoben werden. Wo sich die Probepunkte genau befinden und welche Bäume erfasst werden, bleibt aber geheim: Die bundesweit 80 Teams werden per Satellitennavigation (GPS) zu den bereits bei früheren Inventuren genutzten Messpunkten in den vier mal vier Kilometer großen Rastern geführt. "Wir wollen ein möglichst wirklichkeitsnahes Bild, wollen verhindern, dass Waldbesitzer rund um die Messpunkte besonders aufwendige Waldpflege betreiben", erläutert Andreas Bolte.

Bolte ist Leiter des Instituts für Waldökologie und Waldinventuren in Eberswalde (Brandenburg). Es gehört, wie die Bundesforschungsanstalt für Forst- und Holzwirtschaft in Lohbrügge, zum Johann Heinrich von Thünen-Institut (vTI). Die mehreren Hundert Mitarbeiter der Inventur-Trupps werden in Schulungen mit moderner Technik vertraut gemacht: Sie nutzen neben GPS und Kompass einen tragbaren PC, Metalldetektoren zum Aufspüren der Messpunkte im Boden und Transponder zur Entfernungsmessung.

Wie schon bei früheren Erhebungen werden die Umfänge in 1,30 Metern Stammhöhe vermessen, außerdem die Höhe der Bäume, zudem die Baumart ermittelt. "Dieses Mal wird auch eine Lebensraumbewertung gemacht, werden Parameter wie Totholz, Kronenstruktur und sonstige Vegetation erhoben", erläutert Bolte. Hinzu kommen Wildverbiss und Stammschäden. Die Daten sollen den alljährlichen Waldschadensbericht nicht ersetzen. Sie sollen Aufschluss geben, wie sich Wälder entwickeln, welche Baumarten zunehmen und welche etwa auf dem Rückzug sind. Und auch klären, bis zu welcher Qualität Holz noch sinnvoll verwertet werden kann.

"Wir diskutieren derzeit über alte Buchenwälder", erläutert Bode. "In Brandenburg bleiben viele Methusaleme stehen. Meist mehrarmige, wirtschaftlich weniger gut nutzbare Bäume dienen der Natur, etwa Spechten als Wohnbäume."

In Deutschland ist der Wald seit Beginn der 90er-Jahre gewachsen, erst stark, inzwischen aufgrund wachsender Nutzung etwas geringer. "Die vergangenen zehn Jahre wurden jährlich jeweils etwa 92 Millionen Kubikmeter Holz genutzt, betrug der Zuwachs im selben Zeitraum jedoch 117 Millionen Kubikmeter", sagt vTI-Sprecher Welling. Neben Aufforstungen hat dazu die wachsende Zahl nicht mehr genutzter Truppenübungsplätze beigetragen, so die Wentorfer Lohe und die Fischbeker Heide. Bolte: "Wo keine Panzer mehr rollen, da wächst der Wald" - seit 1990 um etwa 200 000 Hektar.
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