So seh ich das: Kuddelmuddel im Religionsunterricht

Der Hamburger Senat will die Rechte und Pflichten der Muslime in Deutschland erstmals verbindlich regeln. Dazu gehört auch der Religionsunterricht an staatlichen Schulen. Im Klartext bedeutet das, dass evangelische und muslimische Religionslehrer sich vor der Schulklasse abwechseln, um ihre spezifischen religiösen Themen und letztendlich Lebens- und Weltanschauungen darzustellen. Unter Umständen wird dann aber auch ein muslimischer Lehrer über das Christentum sprechen.
Meiner Meinung bietet dieses Modell des „interreligiös strukturierten Religionsunterrichts“ keine Lösungen, sondern führt zu noch mehr Problemen.
Grundsätzlich ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass Angehörige anderer Glaubensrichtungen als Gäste in den Religionsunterricht kommen, sofern die sie betreffenden Inhalte auf dem Lehrplan stehen – zum Beispiel die islamische Schöpfungsgeschichte. Ich kenne auch genügend türkische Schüler, die mit ihrer eigenen Religion keineswegs gut vertraut sind. Und im aktuellen Hamburger Rahmenplan für den Religionsunterricht ist sogar schon für die Klasse 4 der Besuch einer christlichen Kirche und eines nichtchristlichen religiösen Ortes – ob nun Moschee, Synagoge oder Tempel – verbindlich vorgeschrieben.
Das sollte doch als „interreligiöses Beschnuppern“ reichen. Schließlich soll der Religionsunterricht dazu dienen, die Schüler in erster Linie in ihren eigenen Glauben einzuführen. Die Probleme beginnen aber meiner Meinung nach, sobald Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften plötzlich Bibelkunde unterrichten. Bezeichnend auch, dass der Vatikan eine interreligiöse Kooperation ablehnt, während die evangelische Kirche, der die Mitglieder davonlaufen, das neue religionspädagogische Konzept begrüßt.
Ohnehin sind die Regelungen, den Religionsunterricht betreffend, schon kompliziert genug und werden von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich gehandhabt. In Hamburg findet der Religionsunterricht in evangelischer Verantwortung statt. Die Teilnahme ist bis zur sechsten Klasse freiwillig, d.h. Religion ist kein Pflichtfach. Eltern können ihre Kinder vom Unterricht aus Glaubensgründen abmelden. Die teilnehmenden Schüler werden aber trotzdem benotet. Von der Abmeldung wird in Vierteln mit hohem Migranten-Anteil aus naheliegenden Gründen häufig Gebrauch gemacht, was zu angenehm kleinen Klassen führt. Ab der siebten Klasse ist Religion dann plötzlich ein ganz normales Unterrichtsfach.
Heikel im Zusammenhang mit dem neuen Unterrichtskonzept ist die Frage, ob eine Lehrerin Kopftuch tragen darf – so heikel, dass im Hamburger Vertragsentwurf keine Aussage dazu getroffen wird. Wie würde ich es finden, wenn mein Kind von jemandem in Religion unterrichtet wird, der so offensichtlich nicht der eigenen Religion angehört? Meine Schwester, die Lehrerin ist, sagt: „Andere Lehrer tragen mitunter auch seltsame Hüte.“ Vielleicht hat sie Recht und man sollte sich auf andere schulische Probleme konzentrieren, etwa darauf, dass die meisten Fünfklässler das große Einmaleins nicht beherrschen.
Aber damit sind wir bei der grundsätzlichen Frage, welchen Stellenwert der Religionsunterricht an den staatlichen Schulen in Zukunft einnehmen soll? Jeder Religionsgemeinschaft steht es schließlich frei, religiöse Unterweisungen außerhalb der Schule vorzunehmen – von der Kinderbibelstunde bis zum Konfirmandenunterricht. Berlin hat für dieses Problem eine elegante Lösung gefunden: Seit dem Schuljahr 2006/2007 gibt es dort an weiterführenden Schulen das Fach Ethik, in dem gemeinsam über Werte nachgedacht wird.
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