So seh ich das: Mit perfekten Bäumen ist auf Dauer kein Weihnachten zu machen

Weihnachtlicher Lichterglanz... (Foto: Jürgensen)
Mir ist die Karriere der Nordmanntanne unheimlich. Im vorigen Jahrtausend war diese Tannenart noch ein Exot, so ähnlich wie die chinesische Wollhandkrabbe in der Elbe. Aber dann verbreitete sich die Nordmanntanne mit exponentieller Kraft, schubste die unliebsame heimische Fichte aus den Wohnzimmern. Und warum? Eine Nordmanntanne macht keinen Ärger. Es ist ein Lifestyle-Gehölz, das so gut funktioniert und dazu noch so gut aussieht wie ein iPhone von Apple. Nordmanntannen riechen nicht, pieksen nicht, sehen mit ihrem satten Grün und buschigen Ästen wie Plastik aus und halten wahrscheinlich noch länger.
Früher begab sich der Ehemann auf eine Odyssee nach einem guten Weihnachtsbaum, trank sich erst einmal auf irgendwelchen Tannenschonungen, vor denen eine improvisierte Punschbude aufgebaut war, Mut an. Und dann sagte er sich, ein Mann muss Entscheidungen treffen: „Ich nehme diesen Baum!“ Zuhause aufgestellt, kam die Hausfrau mit argwöhnischen Blicken in die Wohnstube und sagte wie all die Jahre zuvor: „Warum hast du denn ausgerechnet diesen ausgesucht. Gab es keinen schöneren?“
All diese Hässlichkeiten und Unstimmigkeiten gehören mit der perfekten Nordmanntanne der Vergangenheit an. Das sind Bäume, bei denen es nichts zu meckern gibt. Da sitzt alles. Vorbei sind die Zeiten, in denen es noch ein Abenteuer war, einen Baum zu besorgen. Ich weiß noch, wie mein Vater auf die Idee kam, eine riesige Blaufichte ins Wohnzimmer zu stellen. Was für ein Kampf! Die langen stahlharten Nadeln bohrten sich in seine Haut, das Harz lauerte an unerwarteten Stellen, der beißende Geruch nahm ihm den Atem. Nur mit Arbeitshandschuhen mit extradickem Leder konnte er den Baum in Position bringen. Danach brauchte er Jahre, sich zu erholen, was nichts anderes heißt, dass er harmlose, lasche Fichten ins Haus holte, die jeden Tag im warmen Wohnzimmer Tausende von Nadeln verloren. Während wir Kinder die Äste schmückten, hörten wir den Schlager von Alexandra: „Mein Freund der Baum ist tot, er fiel im frühen Morgenrot.“
Okay, ich übertreibe ein wenig. Aber am genauen Gegenteil wird es klarer, worauf ich hinauswill. Ich kenne Familien, die sich immer eine Nordmanntanne in einer ganz bestimmten Größe holen und sie ganz klassisch mit roten Kugeln schmücken. Nehmen wir mal an, man schießt von den zurückliegenden zehn Weihnachtsfesten ein Foto von dem Weihnachtsbaum und mischt sie durcheinander. Würde die Familie die Jahre auseinanderhalten können oder glaubt sie, dass zehn identische Fotos vor ihnen liegen? Nordmanntannen bescheren uns Jahr für Jahr ein Déjà-vu, ein leeres Déjà-vu. Das Ganze ist ein bisschen seelenlos, und deshalb sollten wir diese verhängnisvolle Zeitschleife der Perfektion verlassen.
Ich bekenne, dass auch ich einige Jahre den Nordmanntannen aus dänischen Plantagen verfallen war, aber damit ist seit einigen Jahren Schluss. Ich will keine Erwartungen mehr erfüllen. Und es macht sogar noch Spaß, das Außergewöhnliche zu suchen. Ich besorge mir „schlecht“ gewachsene Fichten, Bäume, die jeder stehen lassen würde, und entdecke in ihnen die ganze Weihnachtspracht. Echte Bäume, schief, auf der einen Seite zuviel, auf der anderen zu wenig. Bäume, die es niemandem recht machen. Bäume, die so sind, wie sie sind. Und spätestens am zweiten Weihnachtstag kann man sich, wenn die anderen noch schlafen, mit dem Kopf voran unter den Weihnachtsbaum legen und sich die rieselnden Nadeln ins Gesicht fallen lassen. Dann sprechen diese Bäume mit einem, und mit ein wenig Fantasie beginnt eine Weihnachtsgeschichte...
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Spike Erichsen aus Ochsenwerder | 16.12.2013 | 08:26  
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