So seh ich das: Neues Etikett und alles wird gut?

Preisfrage: Wer ist das? „Ein verhaltensorigineller Facility-Manager mit Migrationshintergrund, der bisweilen exklusive Verhaltensweisen an den Tag legt.“
Keine Ahnung? Macht nichts! Genau das hatten wahrscheinlich die Wortschöpfer im Sinn, dass man mit Wortkaskaden die eigentlichen Zustände vernebelt.
„Ali kommt aus dem Iran und ist leicht geistig behindert. Er ist Hausmeister in einer Gemeinschaftsschule. Manchmal läuft er urplötzlich mit der Harke in der Hand hinter einem imaginären Gegner her, beruhigt sich aber immer wieder schnell. Wenn er den Kindern im Schulgarten etwas erklären kann, freut er sich.“
Na? Nach welcher Beschreibung haben Sie einen konkreten Menschen vor Augen?
Bereits 2006 brachte Autor Johannes Gruntz-Stoll sein Buch „Verwahrlost, beziehungsgestört, verhaltens-originell. Zum Sprachwandel in der Heil- und Sonderpädagogik“ auf den Markt. Es gibt in den letzten Jahren einen Trend vorgeblich „böse“ Wörter durch „gute“ zu ersetzen.
Wie negativ klingt doch „verwahrlost“ oder „behindert“ und wie positiv „verhaltensoriginell“ oder „Kind mit exklusiven Verhaltensweisen“. Die Absicht dieser Umbenennung ist schon klar. Wörter wie „behindert“ oder „Du Assi!“ werden von Jugendlichen als Schimpfwörter missbraucht. Ähnliches gilt für Begriffe wie Sonderschule und Erziehungsheim: Ihre Namen sind immer schon als Drohgebärden oder Warnsignale missbraucht worden.
Aber ist es wirklich so einfach? Die Dinge einfach umbenennen: Neues Etikett drauf und schon wird alles gut?
Oder liegt das Problem nicht ganz woanders? Ist es nicht viel wichtiger, wie wir uns im Alltag gegenüber Menschen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen verhalten?
Da ist der fünfjährige Calvin mit ADHS, der auf keine Kindergeburtsfete eingeladen wird, weil er so nervig und so quirlig ist. Da ist Rollstuhlfahrer Peter, der täglich von steilen Treppen und abrupten Kanten im Wortsinn „behindert“ wird. Da ist Onur von der Elfenbeinküste, der sich abends in der U-Bahn nach wie vor unwohl fühlt, obwohl er jetzt nicht mehr „Ausländer“, sondern „Mensch mit Migrationshintergrund“ heißt...
Sie alle wünschen sich, dass sich in ihrem Leben etwas ändert, nicht an ihrem Namen.
Allein mit Wortgeklingel Zustände zu ändern, ist ein frommer Wunsch, der sich nicht erfüllt. Sprache ändert sich und sie muss im Alltag bestehen. Wenn man künstliche Wortungetüme schafft, machen sich diejenigen lustig, die sie eigentlich benutzen sollen.
In Facebook-Foren werden die abenteuerlichsten Vermutungen angestellt, was wohl „verhaltensoriginell“ bedeuten könnte. Das reicht von „durchgeknallt“ bis zu „jemand, der mit einer Silikonpuppe ein Verhältnis führt“. Und im Warenkatalog eines Versandhandels findet man Tassen, Frühstücksbrettchen und Kühlschrankmagneten mit dem Spruch: „Ich bin nicht gestört! Ich bin verhaltensoriginell!“?
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