So seh ich das: Augen, Ohren und andere Hilfsmittel, um die Natur zu entdecken

Die Hamburger Umweltbehörde hat für das Naturschutzgebiet Boberger Niederung in Bergedorf eine sogenannte App herausgebracht. Auf ihrer Wanderung durch die Boberger Natur können die Spaziergänger nun an insgesamt 13 Stationen kostenlos Informationen auf ihr Smartphone laden. „Eine tolle Möglichkeit, um unsere Umweltbildung zu ergänzen und zu modernisieren“, meint Senatorin Jutta Blankau.
Wirklich? Ich meine, dass Apps geradezu verhindern, die Natur zu entdecken. „Umweltbildung“ mag so funktionieren, dass die Besucher sich die Namen von seltenen Pflanzen- und Tierarten vorsprechen lassen, aber mit dem Handy in der Hand werde ich die Natur garantiert nicht wahrnehmen. Ich vergleiche im besten Fall die Darstellungen auf dem Smartphone mit dem, was sich beobachten lässt, aber im Grunde dominiert die technische Anwendung meinen Rundgang.
Ich glaube nicht, dass dieses stets abrufbare lexikalische Wissen uns hilft, die Natur um einige Grad intensiver zu entdecken. Vielleicht bin ich auch schon zu alt geworden, um die Dimension bestimmter technischer Neuerungen zu erfassen, aber das echte Verstehen folgt doch nicht aus kleinen Software-Programmen. Kinder, die Bäume hochklettern und ihre Hose mit Harz verkleben, die schnell erkennen, wie stark die Äste sein müssen, die sie tragen, die große Laubhaufen zusammensammeln, um sich dort hineinzuwerfen, die erfolglos versuchen, den Kaninchenbau freizulegen, die stundenlang mit dem Kescher im Bach kleinen Fischen nachjagen, werden doch die Natur so eher kennenlernen als brav auf einem Weg durchs Naturschutzgebiet zu dackeln und erklärt zu bekommen, vor ihnen steht die seltene Pflanze X.
So eine App ist für mich bloßer Wissenskonsum, mit dem überhaupt nichts gewonnen ist. Ich wünsche mir Naturschutzgebiete mit Hinweisschildern wie „Hier haben Sie garantiert keinen Handyempfang“ und „Jogger mit Musik im Ohr werden in unser Sumpfgebiet geleitet (Kleiner Scherz)“ und „Die einzige Applikation, die Sie hier brauchen, ist Ihr eigener Sinnesapparat“.
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