De Schiffer un sin Fru: Von der Elbe aus durch Europa

Meine Frau Renate und ich rudern gerne mal ’rüber zum Kaffeetrinken in den Alten Sandkrug“, erzählt Binnenschiffer Rolf Lohmann schmunzelnd.
 
Renate und Rolf Lohmann genießen jeden Tag den Blick auf die Elbe vor ihrer Wohnung in Hohnstorf.
 
Das Passfoto von Rolf Lohmann im "Zeugnis über die Befähigung zum Motormaschinisten auf Binnenschiffen", das er 1954 mit 21 Jahren erwarb.
Hohnstorf (mu). „Rudern geht schneller“, sagt Rolf Lohmann. „Wenn nicht gerade dichter Nebel über der Elbe steht, fahre ich mit dem Boot zum Wochenmarkt nach Lauenburg rüber.“ Neulich allerdings war so ein Nebeltag, „da sehe ich ja nicht, wo ich hinrudere“, und holt selbst der ehemalige Binnenschiffer aus Hohnstorf die Muscheln fürs Abendessen lieber mit dem Bus.
Auf dem Wasser hat sich der heute 79-Jährige immer zu Hause gefühlt: „Schon meine Vorfahren waren auf dem Wasser unterwegs – mein Urgroßvater, mein Großvater und Vater –, seit rund 180 Jahren ist das so“. Einmal Schiffer, immer Schiffer. Das gilt auch für Rolf Lohmann. Auch wenn er sein Frachtschiff schon vor Jahren im Zuge der Abwrackprämie ausgemustert hat und 1998 mit 65 Jahren in den Ruhestand ging, auf sein kleines Ruderboot mag er nicht verzichten.
Angefangen hat die Liebe zum Wasser mit dem Blick auf die Elbe aus der ersten Reihe: Geboren in Lauenburg am 10. Januar 1933, hat Rolf Lohmann täglich den Fluss vor Augen und die Hitzler-Werft in direkter Nachbarschaft: „Bei meiner Geburt um 22 Uhr abends hörte ich nebenan von der ‚Schipperhöge’ gerade ‚La Paloma’!“ Seine Frau Renate schmunzelt, so ganz glauben kann sie das ja nicht.
Mit 14 ging’s in die Lehre zunächst beim Vater, der wiederum auch von seinem Vater lernte. Dann drückte er in der Berufsschule Lauenburg bei Rektor Rehbein die Schulbank. „Da fuhren die Busse noch mit Anhängern von Geesthacht nach Lauenburg, und die waren natürlich noch nicht geheizt“, erinnert sich Lohmann.
1954 gab es das ersehnte „Zeugnis über die Befähigung zum Motormaschinisten auf Binnenschiffen“ – hier wurde kurioserweise sein Geburtsdatum auf 1931 geändert, was ihm aber an „einigen Stellen“ genutzt habe.
Das „Elbschiffer-Zeugnis“ hat er dann 1955 erhalten. „In Deutschland brauchte ich für beinahe jede Wasserstraße oder bestimme Abschnitte ein anderes Patent“, erzählt der 79-Jährige und schüttelt den Kopf. „So ein Irrsinn. Besonders kompliziert war es in der DDR für die märkischen Wasserstraßen auf dem Mittellandkanal. In Holland bekam ich den ‚Vaarbewijs’, die Zulassung für alle Wasserstraßen, ohne Probleme.“ Auch den Zollausweis für den Hamburger Freihafen von 1958 hat er noch sowie das Rheinschifferpatent von 1972. „Man musste nachweisen, dass man mindestens drei Jahre auf der Strecke Mannheim Karlsruhe gefahren ist.“

Treu: „Lore“ und „Klipper“
Mit der Zulassung in der Tasche ging’s auf Fahrt. Ab 1960 schon als Selbstständiger, zunächst mit der „Lore“, die Lohmann vom Vater übernahm, zehn Jahre später dann kaufte er sich das große Binnenschiff namens „Klipper“. Beides treue Schiffe, große Reparaturen kamen selten vor und kleine übernahm er selbst – „lernte ja so manchen Kniff vom Vater“. Während „Lore“ eine Ladekapazität von 295 Tonnen vorwies, konnte „Klipper“ schon 700 Tonnen aufnehmen. Geladen hat Lohmann etwa Cellulose für die Papierfabrik in Uetersen, Sojaschrot für Tschechien, das als Futtermittel weiterverarbeitet wurde, Raps für die niederländischen Kühe und immer wieder Sand und Koks. Zum Beispiel auch Kies aus dem Elbe-Lübeck-Kanal für den Flughafenbau in Hamburg. Auch Weizen und Mais wurden mit „Klipper“ oft bewegt. Und Schmalz für die Seifenfabrik in Emmerich am Rhein, Drahtrollen für die Nagelfabrik in Gernsheim oder Stachelbeerwein aus Stade. Als „Gefahrgut“ wurde beispielsweise Schwefel deklariert, was der Binnenschiffer von Nordenham nach Hamburg brachte. Lohmann war auf der Stör unterwegs, hat Oder, Havel, Donau und Oberrhein befahren, hat Antwerpen, Decin, Magdeburg, Groningen, Hannover und Prag gesehen, ist in Meißen, Wittenberge und an der Burg Schreckenstein vorbeigekommen.
Die weiteste Fahrt aber hatte er durchgehend von Kiel nach Basel – im Norden mit Graupen (geschälte Gerste) und Traubenzucker beladen, machte er sich rund anderthalb Wochen auf den Weg in die Schweiz. Natürlich wunderte er sich, warum die Ladung nicht getrennt wurde, aber Auftrag war schließlich Auftrag. In Rheinfelden kam die Mischung dann ins Silo, und Lohmann fasste sich ein Herz und fragte, was denn weiter damit passiert. „Wird hier gern gegessen“, war die Antwort. Es stellte sich heraus, dass dieses Gemisch aus Graupen und Traubenzucker eine Schweizer Spezialität war – durch den Zucker wurde die Gerste haltbar gemacht.
Anfang der 70er lernte Rolf Lohmann seine Frau Renate kennen. Sie war damals die Inhaberin des beliebten Schifferlokals „Zum Anker“ in Lauenburg. Nachdem auch das letzte der drei Kinder aus dem Haus war, ging sie mit auf die Fahrten, und so erlebten sie gemeinsam einige Kuriositäten.

Playboy an Bord
„Weißt du noch, der Zöllner?“, fragt Renate Lohmann ihren Mann. „Du meinst den, den sie nachher gesucht haben?“ „Ja, genau!“ Gemeint ist der DDR-Grenzer, der nach einer Routinekontrolle in Berlin von den Kollegen nach dem Verlassen des Schiffs vermisst wurde: Sie fanden ihn in der Kajüte – vertieft in eine „Playboy“-Ausgabe. Seine Kollegen sollen laut gelacht haben, als er von Bord trottete. „Wir mussten oft Bücher, die wir an Bord hatten, abgeben“, erinnert sich Renate Lohmann. Die Kontrollen der Grenzer waren bei Weitem nicht alle so amüsant. Einmal mussten sie eine ganze Woche lang eine Ladung Schrott umschichten, der angeblich nicht korrekt gelagert war. „Klar, war das Schikane.“ Lang ist es her, dass er die alten Fotoalben mit den verblichenen Bildern betrachtet hat, doch während er sie und auch die alten Fahrtenbücher durchblättert, fallen Lohmann noch mehr Anekdoten ein.

„Klipper“ als Schmuggelboot
Einmal zum Beispiel – Lohmanns lagen im Duisburger Hafen – war „Klipper“ für einige Minuten Schauplatz in einem „Schimanski“-Tatort und wurde umbenannt in „Antje van Steen“, ein Schmuggelboot: „Götz George haben wir aber nicht gesehen. Dafür war ganz viel Theaterblut an Deck verteilt“, erzählt Renate Lohmann und ihr Mann ergänzt: „Und ich musste geduckt am Steuer sitzen und das Schiff steuern, ich durfte ja nicht zu sehen sein!“ Der Dreh dauerte über zwei Tage, die Binnenschiffer-Genossenschaft hatte das organisiert.
Auf dem Rhein bei Köln-Mühlheim fuhren sie an den Kellys vorbei und sahen, wie ganze Menschentrauben sich vor dem Hausboot der irischen Sängerfamilie für Autogramme und Schnappschüsse drängelten. In Stettin musste er die polnische Hafenaufsicht mal mit Mosel-Wein bestechen, weil sie eine Anmeldung vergessen hatten.
Lohmanns sind auch schon mal festgefroren mit ihrem „Klipper“, in Lübeck und auch mal in Würzburg. Weihnachten wurde öfter an Bord gefeiert, in den 70ern gleich mehrere Jahre hintereinander: etwa 1972 in Köln, da war Hochwasser und der Anzeiger hat über sie berichtet.
Heute renoviert Rolf Lohmann die kleinen Boote für Bekannte, geht gern schwimmen, schreibt Sachbücher zum Thema Binnenschifffahrt und kocht gern für seine Frau und sich.
Fester Termin in Lohmanns Kalender ist natürlich die Hohnstorfer Eiswette am 6. Januar 2013, deren Wettpate er gemeinsam mit Elbfischer Erich Panz 17 Jahre lang war. Sein Sohn Thomas Lohmann – er kann immerhin einen Bootsführerschein vorweisen – hat das Amt übernommen, ist schon zum dritten Mal an der Reihe, zusammen mit dem Fischersohn Eckhart Panz.
Ein Leitspruch von Rolf und Renate Lohmann ist auf Leinen gestickt im Bilderrahmen an der Wohnzimmerwand zu finden. „Nord un Süd – De Welt is wiet – Tu Huus is best“. Klar ist, diesen Beruf kann nur ausüben, wer auch Fernweh im Blut hat – doch auf Zuhause hat sich Lohmann auch immer gefreut.
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