Von Rio ins rote Holzhaus

Lkw-Fahrer Paul Lehnich (59) beim Fernsehen. Er kam wegen einer Erkrankung aus Rio de Janeiro nach Geesthacht, wo er Familie hat. Trotz seiner Unterbringung im Holzhaus gilt er als obdachlos.
 
Zwei rote Holzhäuser hinter dem Rathaus dienen als Notunterkünfte. Sie haben eine Gemeinschaftsküche und ein Badezimmer. Hier wohnen jeweils bis zu sechs Menschen.
Paul Lehnich sitzt auf seinem Bett und schaut fern. Am liebsten sieht der 59-Jährige Tierfilme aus wärmeren Ländern. „Hier ist es mir viel zu kalt“, sagt der Obdachlose, der vorher in Rio de Janeiro (Brasilien) lebte. Dann wurde er krank und kehrte zurück nach Deutschland, nach Geesthacht, wo er Verwandte hat. Seit Mai wohnt er in einem der beiden roten Holzhäuser auf dem Parkplatz hinter dem Geesthachter Rathaus. Er hat zwar ein Dach über dem Kopf – doch er zählt als Obdachloser. So lange, bis er eine eigene Wohnung gefunden hat.

Wenige Hundert Meter von den roten Holzhäusern entfernt sitzt Stefan Lange an seinem Schreibtisch. Er hilft Paul Lehnich bei der Suche nach einer geeigneten Wohnung. Als Leiter der Fachstelle für Wohnungshilfen wälzt er nicht nur Akten – er schaut auch immer mal wieder bei Lehnich und den anderen Obdachlosen vorbei, die er für bis zu einem Jahr in den Holzhäusern einquartiert hat. Der Mann aus der Verwaltung kümmert sich persönlich um die Menschen, die meist durch Krankheit, Trennung oder Arbeitsplatzverlust obdachlos geworden sind. „Diese Stelle ist einzigartig bei uns im Kreis“, sagt Torben Heuer, Sprecher der Stadt Geesthacht. Denn um den Menschen besser helfen zu können, ist sie zwei Behörden zugeordnet – dem Ordnungs- und dem Sozialamt.

Stefan Lange verfügt nicht nur über die jeweils sechs Plätze in den beiden Holzhäusern, in denen momentan fünf Menschen Unterschlupf gefunden haben. Hinzu kommen noch die rund 30 Schlafplätze in der Schäferstwiete – und die rund 170 städtischen Wohnungen, auf die er Zugriffsrecht hat, wenn es um die Unterbringung von Obdachlosigkeit bedrohter Menschen geht. Dazu gehören in Geesthacht auch die Flüchtlinge.

Unter der Brücke schlafen muss in Geesthacht niemand. Neulich hat die Polizei mal einen Hamburger aufgegriffen, als die Behörde schon Dienstschluss hatte. „Das ist aber kein Problem, ein Anruf genügt, und schon sind wir bereit“, erzählt Stefan Lange. Doch so ein Fall bleibt die Ausnahme. Viel wichtiger ist der Geesthachter Verwaltung die Prävention – damit es gar nicht erst so weit kommt. Deshalb wird die Behörde informiert, sobald einer Familie die Räumungsklage ins Haus steht. Immer arbeiten sie eng mit anderen Stellen zusammen – etwa der Alkohol- und Drogenberatung und dem Allgemeinen Sozialen Dienst. Und mit dem Jobcenter und der Arge, denn von hier kommt das Geld für die in Not geratenen Menschen. „Unser Ziel ist immer die Unterbringung in normalem Wohnraum“, sagt Heuer. „Wenn wir die präventive Arbeit nicht hätten, stünden wir irgendwann vor einem großen Scherbenhaufen.“

Wann es bei Paul Lehnich mit der eigenen Wohnung klappt? Wer weiß. Geht es nach Stefan Lange, sollte er mehr Initiative zeigen. „Sie müssen zu den Besichtigungsterminen hingehen“, rät er seinem Schützling. Auch wenn er weiß: Wenige Wohnungen sind für 340 Euro ohne Heizkosten zu haben. Mehr zahlt das Jobcenter aber nicht.

Doch Paul Lehnich ist sowieso ein hartnäckiger Fall. „Ich warte noch auf meine Rente“, sagt der ehemalige Lkw-Fahrer. „Dann bin ich wieder weg aus Deutschland. Ich will zurück in die Wärme – nach Brasilien.“





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