So seh ich das: Der Herrenwitz wird aussterben

Erst wollte ich mit meinem Kommentar über Rainer Brüderles plumpe Anmache an einer nächtlichen Hotelbar ein Jahr lang warten, schließlich hat auch die Stern-Journalistin Laura Himmelreich ein ganzes Jahr benötigt, um aus den Blicken und Worten des wohl leicht angesäuselten Brüderles eine Sexismus-Attacke zu konstruieren. Mehr Zeit brächte mich aber nicht weiter, da zu viele Fragen unbeantwortet bleiben.
1. Kann die Journalistin tatsächlich ein Dirndl ausfüllen, wie Brüderle behauptet? Was sagt die oberbayerische Damenwelt ganz objektiv zu ihren Maßen? 2. Bei welchem Typ Mann kippt in den Ohren der Journalistin die blöde Anmache in eine charmante Anspielung? Kann sie dafür Beispiele liefern? 3. Warum ist die Journalistin nicht einer besseren Story wegen auf die Avancen von Brüderle eingegangen, um ihm kurz, bevor es „heiß“ wird, mitzuteilen, dass er „leider keine Hose ausfüllen könne“? 4. Wie sollen sich die Männer in Zukunft an Hotelbars und ähnlichen Orten der offenen Begegnung verhalten? Schweigend an ihrem alkoholfreien Cocktail nippen, um sich dann zu Hause allein in irgendwelche Single-Börsen hineinzufantasieren? 5. Warum haben in der Praxis die zurückhaltend-vernünftigen Männer immer noch viel weniger Chancen, Partnerinnen kennenzulernen, als die richtigen, coolen Männer mit kessen Sprüchen? 5. Warum ist Brüderle (67) für den Stern ein „Mann der Vor-Moderne“, also so eine Art vertrotteltes Unicum aus dem politischen Freilichtmuseum, auf der anderen Seite konstruiert der Stern aus dieser banalen Begegnung einen „Tabubruch“, um seinen Lesern symbolhaft den „allnächtlichen Sexismus“ zu schildern. 6. Warum beweist Brüderle mit Sätzen wie „Am Ende sind wir doch alle nur Menschen“ so viel mehr Humor als die Journalistin, dass man im Grunde gar nicht weiß, wie ernst das Ganze überhaupt war? Warum wird in diesen unzähligen Artikeln, die auf Laura Himmelreichs Enthüllung folgten, nicht einmal die relativierende Kraft des Humors auf den „Sexismus“ untersucht? Wann folgt die Story mit dem Titel „Der Frauenwitz“? 7. Ist der Begriff „Sexismus“ hier überhaupt angemessen? Kann man Brüderle nicht einfach unterstellen, er wäre pervers, d.h. sexuell abnormal, weil er den Bereich der Tugendhaftigkeit verlassen hat? Gibt es so etwas wie einen negativen Sexismus von Frauen, die Männer auf ihren Sozialstatus abscannen?
Zwei Dinge lernen wir aus diesem Fall:
1. Die Selbstreferenzialität der journalistischen Szene schadet dem Bestreben nach Aufklärung und differenzierter Betrachtung in der Öffentlichkeit. Echter Sexismus ist tatsächlich alltäglich. Jeder weiß, dass zum Beispiel Pflegerinnen den sexuellen Belästigungen ihrer männlichen Patienten ausgeliefert sind und dass viele Frauen in beruflichen Abhängigkeiten von Männern bedrängt werden. Aber das sind eben ganz andere Geschichten. Und es sind die Geschichten, die wir eben nicht zu lesen bekommen, weil die falschen Leute Zugang zu den Medien haben.
2. Wenn Brüderles zwei Minuten Schlüpfrigkeit als „Sexismus“ abgestempelt werden, dann hat der hellsichtige österreichische Philosoph Robert Pfaller Recht mit seiner These, dass wir der Ära der Postsexualität zustreben. Der Herrenwitz wird aussterben. Zwar dürfen die Leute noch auf Ü30-Partys und anderen ausgewiesenen Freizonen eine gewisse Frivolität an den Abend legen, aber im alltäglichen Miteinander wird das spielerische Gespräch der Vorsicht weichen. Pfaller schreibt: „Gerade die öffentlichen Lustressourcen werden in der postmodernen Beschwerdekultur den Individuen entzogen. Dieser Instrumente der Lustge?win?nung beraubt, bleiben sie nun auf dem Rohmaterial ihrer innerpsychischen Konflikte sitzen.“ So wird es kommen. Prüderie ist bereits heute als „Zeichengesellschaftlicher Distinktion“ weitverbreitet.
Ich habe als Ausgleich wenigstens meine Cousine Guni. Ein herzensguter Mensch, der alle Herrenwitze behält und gekonnt wiedergeben kann.
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