So seh ich das: Die Befürworter von Beschneidungen werden es in Zukunft schwerer haben

Für einen aufgeklärten, areligiösen Menschen ist das Urteil des Kölner Landgerichts, das die Beschneidung eines kleinen Jungen verbietet, vollkommen nachvollziehbar. Hier liegt eine Körperverletzung vor. Neuerdings! Jahrzehnte- und jahrhundertelang interessierte sich die deutsche Rechtsprechung kein Stück für Beschneidungen. Diese Ignoranz lässt sich offensichtlich darauf zurückführen, dass die Religionsfreiheit bis 2012 in einer vollkommen unproblematischen Relation zum Recht auf körperliche Unversehrtheit stand. Erst eine Verkettung unglücklicher Zufälle und mangelnde Sprachkenntnisse der Mutter nötigten die Kölner Richter, ein Urteil zu fällen. Sie sahen, dass der ärztliche Eingriff zu Komplikationen führen kann, von den psychischen Nachwirkungen ganz zu schweigen. In den Augen der Richter wiegt das Wohl des Kindes juristisch mehr als die religiöse Tradition. Eine Einzelfallentscheidung. Der Bundestag wird aller Voraussicht nach ein Gesetz beschließen, das die alte Sichtweise wiederherstellt und den Juden und Muslimen die Beschneidung erlaubt. Sie müssen dann nicht mehr ins Ausland reisen, um diesen Akt als Verbundenheit mit Gott vornehmen zu lassen, sie erhalten Rechtssicherheit.
Meiner Meinung nach ist dieses Entgegenkommen nur fair. Beschneidungen sollten unter strengen Auflagen weiterhin möglich sein, Juden und Muslime sollten nicht zu Straftätern abgestempelt werden.
Das Kölner Urteil zeigt aber auch: Die gesellschaftliche Wahrnehmung verändert sich. Traditionen werden stärker angezweifelt. Fragen stehen im Raum. Warum stört ausgerechnet die Vorhaut die intime Beziehung zu Gott? Im ersten Buche Mose heißt es, wer nicht beschnitten ist, „dessen Seele soll ausgerottet werden aus seinem Volk, weil es meinen Bund unterlassen hat“. Ausrottung? Diese Vorstellungen passen nicht mehr so ganz in die heutige offene Gesellschaft. Das Alte Testament ist eben verdammt alt. Die Muslime haben ähnliche Schwierigkeiten, ihr Ritual überzeugend zu begründen. Eine Tradition ist kein Argument.
Machen eine gute religiöse Erziehung und das beispielhafte Vorangehen der Eltern das Beschneidungsritual nicht überflüssig? Beschneidungen sind für mich Überrumpelungstechniken, frühkindliche, unumkehrbare Markierungen, die das Wort „Religionsfreiheit“ in einem sehr zweifelhaften Licht erscheinen lassen. Wenn Gott es geschehen lässt, dass die Welt sich ändert, dann müssen sich auch die Religionen ändern. Die Kinderrechte haben sich schließlich auch verändert in den letzten drei Jahrhunderten. Das Kölner Urteil führt, wenn auch nicht direkt, zum Recht auf Selbstbestimmung, auf die Chance, sich als junger, volljähriger Erwachsener zu seiner Religion zu bekennen.
Mit den orthodoxen Gläubigen ist über diese Wandlung keine Diskussion möglich, vor allem die Rabbiner in Deutschland verwehren jeden Dialog. Die „Beschneidungsdebatte“ wird sie von nun an trotzdem begleiten. Das Kölner Urteil stößt das Tor auf zu weiteren Einzelfällen, in denen sich Eltern gegen die Tradition entscheiden.
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