So seh ich das: Die Chinesen kommen, weil sich in der Pflege nichts Grundlegendes ändert

Die Not macht erfinderisch: Die Bundesagentur für Arbeit will 150 Altenpfleger aus China anwerben, weil in Deutschland Tausende von Pflegefachkräften fehlen. Aber sind die Chinesen nicht mittlerweile zu teuer? Sollte man nicht besser ein paar Sklavenschiffe zu den Philippinen schicken, um die Versorgung Schwerstkranker in unserem Land sicherzustellen?
Der Clou daran: Selbst wenn die Philippinos eine Ausbildung vorweisen könnten, würde sie in Deutschland nicht anerkannt und sie wären nur Helfer. Also doppelt gespart. Und Deutsch müssen sie nach der Satt-und-sauber-Methode sowieso nicht können.
Ich habe einen noch abwegigeren Vorschlag: Einfach ein paar Ausbildungsplätze mehr in Deutschland schaffen. Altenpflegerinnen haben angesichts der demografischen Entwicklung den krisenfestesten Job von allen. Und doch stehen seit Jahren viel zu wenige Ausbildungsplätze zur Verfügung. Alles streng kontingentiert, weil das ja das jeweilige Bundesland bezahlen muss.
Man stelle sich vor, in Zukunft darf nur eine gedeckelte Anzahl an Elektrikern oder Industriekaufleuten ausgebildet werden, weil die Berufsschule zu teuer ist. Eine Welle der Empörung wäre die Folge. Doch in der Altenpflege eben nicht. Wer soll sich aufregen in dieser schlecht organisierten Branche, die seit Jahrzehnten ein Fuß auf dem Gaspedal hat und gleichzeitig hart auf die Bremse drückt?
Und die Versäumnisse der Vergangenheit führen zu neuen Verwerfungen. Die Caritas Baden-Württemberg macht es vor. Die nächste Lohnerhöhung soll nur für die höheren und mittleren Lohn- und Gehaltsgruppen gelten, nicht aber für die niedrigen. Das Geld ist knapp, und um die raren gut ausgebildeten Kräfte zu halten, müssen eben die Helfer zurückstecken. Eine perverse Strategie, die das kollegiale Miteinander nicht gerade fördert.
Die großen Wohlfahrtsverbände sind leider Teil des Problems. Sie verlangen von ihren Mitarbeitern eine gehörige Portion Ehrenamt. Der soziale Anspruch und die damit verbundene Demutsgebärde verhindern eine echte Professionalisierung der Pflege. Mitarbeiterführung und Mitarbeitermotivation lassen in den meisten Einrichtungen zu wünschen übrig, die hierarchischen Strukturen sind von anno dazumal.
„Langstrumpf“ schreibt im Internet: „Bin seit 17 Jahren in der Pflege. Es hat und es wird sich nichts Grundlegendes ändern. Mein Gehalt hat sich in der Zeit sogar verringert, das Weihnachtsgeld wurde gestrichen. Neu ausgebildetes Personal jetzt auf Hauptschulniveau, ständig neue zum Teil weltfremde Vorgaben vom MDK und Arbeitgeber, die ihr Personal rücksichtslos auf Verschleiß fahren.“ So wie Tom: „Als Mann im Pflegedienst arbeite ich nach 30 Jahren nur noch Teilzeit und überlege, wie ich deutlich vor dem 65. Lebensjahr aus dem Beruf aussteigen könnte. Geht einfach nicht mehr...“ Und Marylou ist froh, nach 20 Jahren in der Pflege und katastrophalen Erfahrungen umschulen zu können: „Aus den Pflegeberufen werden gute Kräfte mit aller Macht vertrieben. Früher war das anders, als ich in den 1985er-Jahren anfing, wurde man noch gehegt und gepflegt. Meinem Sohn habe ich von der Ergreifung eines Pflegeberufes abgeraten.“
Mit der Einführung der Pflegeversicherung 1995 hat sich für die Pflegefachkräfte nichts zum Positiven verändert. Zwar haben sich die pflegerischen Standards erhöht, der Verantwortungsbereich ist gewachsen, aber der Zeitdruck und die fehlende Anerkennung macht alles zunichte. Die Politik will daran nicht viel ändern. Lieber preiswerte Missstände als zu teure Verbesserungen. Und hätten die Wohlfahrtsverbände ihre Mitarbeiter nicht jahrzehntelang klein gehalten, sondern ihnen den Freiraum für die Entstehung einer gut organisierten, selbstbewussten Berufsgruppe gelassen, wären wir längst weiter. Sind wir aber nicht.
Zum Glück gibt es eine erstaunlich große Anzahl an Idealisten, die trotz dieser Hürden alte Menschen pflegen wollen. Und für die personellen Lücken holen wir eben Chinesen.
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