So seh ich das: Eine moderne Türkei wäre gut für Deutschland

Drei Millionen türkischstämmige Menschen leben unter uns, etwa die Hälfte von ihnen besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft. Blickt man auf die vergangenen Jahrzehnte, so wird niemand bestreiten, dass die Integration dieser Bevölkerungsgruppe hätte besser laufen können. Statt guter Ideen standen zu häufig Vorwürfe wie mangelnder Integrationswille auf der einen Seite und Diskriminierung auf der anderen Seite im Raum.
Der türkische Ministerpräsident Erdogan vereinfachte diesen Konflikt nicht gerade. Man denke nur an seine berüchtigte Kölner Rede im Jahr 2008, als er die Deutschtürken vor der gefährlichen „Assimilation“ warnte, als würden sie bei zu viel Integration ihre Identität verlieren.
Erdogans Wortspiel signalisierte jedem, dass er selbst die Ausgewanderten in Deutschland für seine politischen Zwecke einspannt. Sein Ziel ist eine islamisch geprägte Großmacht mit einer gefälligen Diaspora in Deutschland. Für diesen Prozess benötigt er keine Diskussionen und schon gar keine Kritik. Deshalb sitzen Hunderte Journalisten in der Türkei im Gefängnis – mehr als in China. Die Meinungs- und Pressefreiheit ist so stark eingeschränkt, dass die Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union, die ohnehin aufs Unabsehbare verschoben sind, bereits bei diesem Punkt den Abbruch bedeuten müssten.
Sind die jetzigen Unruhen in der Türkei, die sich an der geplanten Abholzung eines kleinen Parks in Istanbul entzündeten, ein Hoffnungsschimmer? Die Berichte im Fernsehen zeigen aufgeweckte junge Menschen, die nicht mehr bereit sind, Erdogan zu ertragen. Die einzelnen Biografien verdeutlichen auch dem skeptischsten Betrachter, dass diese Generation viel weiter ist als die herrschenden Politiker. Diese jungen Menschen benötigen keinen geistigen Führer, sondern die Freiheit, ihre Ideen ausleben zu können.
Ich hoffe, dass Erdogan seinen dumpfen Autokratismus und Chauvinismus nicht mehr lange fortsetzen kann und die westlich-säkularen Kräfte eine starke Opposition bilden. Ich hoffe, dass die Proteste zumindest mittelbar zu einem Politikwechsel in der Türkei führen. Nur eine moderne, von Erdogans Sultanat-Träumen befreite Türkei würde in die EU passen.
Dieser Wandel hätte meiner Meinung nach positive Auswirkungen auf die Türkischstämmigen in unserem Land. Ein intensiverer unternehmerischer und geistiger Austausch zwischen Deutschland und der Türkei würde neue Chancen eröffnen und Vorurteile abbauen.
Die erste Voraussetzung dafür ist, die Religion nicht mehr als Mittel des Kampfes und der Einschüchterung gerade gegenüber Frauen einzusetzen, sondern zur Privatangelegenheit jedes Einzelnen zu erklären.
Es geht nur vordergründig um den Islam, in Wahrheit ist es ein Kulturkampf, in dem die liberalen Kräfte am Ende die größere Überzeugungskraft aufbringen mögen.
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