So seh ich das: Es wird Zeit, die Tafeln zu schließen

"bz"-Volontärin Lena Dienkmann (li.) mit Doris Meinßen bei der Gemüseausgabe der Bergedorfer Tafel. Matthias Reitenbach kritisiert das System der Tafeln. (Foto: bz)

Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen, zementieren Anhängigkeit und verhindern den erforderlichen Wandel.

Was würde passieren, wenn von einem Tag auf den anderen all die Tafeln, die Lebensmittel an Bedürftige verteilen, für immer geschlossen blieben? Würde jemand verhungern?

Nein. Die meisten, die den Beweis ihrer Bedürftigkeit erbringen könnten, nutzen dieses Angebot ohnehin nicht, um ihre letzte Würde zu erhalten. Und die Bedürftigen, die vor verschlossenen Tafeln stünden, müssten dann in ihrer ohnehin prekären Lage noch spitzer rechnen, wie sie über die Runden kommen. Sie müssten sich nach Alternativen umschauen.

Aber wäre das nicht viel besser als von einem System abhängig zu sein, das in den vergangenen 20 Jahren die Strukturen nur noch verfestigt hat? Je mehr Tafeln geboren wurden, umso größer wurde die Zahl der Bedürftigen.

Mittlerweile bedienen bundesweit mehr als 900 Tafeln mehr als 1,5 Millionen Menschen. Das Angebot erhöhte im Laufe der Jahre die Nachfrage. Tafeln haben mit ihrem Wachstumsdrang die Armut verfestigt, haben feste Abhängigkeiten geschaffen. Nur, wer hat wen nötig? Sind die Ehrenamtlichen, die in ihrer Selbsterhöhung „Gutes“ tun, nicht abhängiger von diesem System als die Bedürftigen in ihrer Selbsterniedrigung?

Der Soziologe Stefan Selke schreibt: „Tafeln sind schambesetzte Stressräume, in denen um kleinste Gaben konkurriert wird. Sozial ist das alles nicht. Sozial ist etwas, auf das ein Anspruch besteht. Almosen sind, auch bei aller Freundlichkeit und Nettigkeit, gerade nicht sozial. Letztlich sind Tafeln eine wirtschaftliche und politische, aber keine soziale Lösung.“

Selke traf auf einem internationalen Kongress auf Kollegen aus den südlichen Ländern, die nicht verstehen konnten, warum sich ein vormodernes Almosensystem im reichen Deutschland entwickelte. Ein Land, dessen Bruttosozialprodukt in den vergangenen 20 Jahren kräftig gestiegen ist und in dem derzeit die Steuereinnahmen erfreulich üppig sprudeln.

Tafeln sind gut gemeinte Abfallverwertung

Für Selke sind die Tafeln auf den ersten, flüchtigen Blick ein logistisches Erfolgsmodell und gut gemeinte Abfallverwertung, auf den zweiten ein Symbol des sozialen Abstiegs, „das den gesellschaftlichen Misserfolg derjenigen schonungslos offenlegt, die bei Tafeln euphemistisch „Kunden” genannt werden.“

Der Bundesverband der Tafeln schreibt stolz: „Die deutschen Tafeln sind eine der größten sozialen Bewegungen der heutigen Zeit.“ Genau das ist fraglich. Tafeln sind zwar gesellschaftlich und politisch als Entlastungsgröße erwünscht, aber wie weit geht die Solidarität tatsächlich? Wie groß ist die Distanz, die dieser Hilfe innewohnt? Wenn ehrenamtliche Helfer der Tafel bei der nächsten Wahl eine Partei unterstützen, die den Abbau des Sozialstaates forciert bzw. forciert hat, akzeptieren sie damit nicht die Verhältnisse? Nichts verändert sich.

Selke ist Mitbegründer des Kritischen Aktionsbündnisses „Armgespeist – 20 Jahre Tafeln sind genug!“, welches eine aktivere Rolle des Staates fordert. Ich sehe das genauso. Almosen helfen niemandem weiter. Schon gar nicht, wenn die Abhängigkeit Jahre andauert. Das verdeutlicht nur Woche für Woche, dass man ganz unten angekommen ist. Und damit man nicht ganz unten bleibt, sind andere Hilfen nötig. So einfach ist das.
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1 Kommentar
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Erich Heeder aus Kirchsteinbeck | 16.08.2013 | 07:50  
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