So seh ich das: Ich werde weiterhin ohne schlechtes Gewissen Fleisch essen

Ich habe nachgerechnet. Ich komme höchstens auf eine Pute, dafür aber auf viel mehr Enten und Gänse. Bei den größeren Tieren wird es schwierig, sich aus den einzelnen Fleischstücken ein ganzes zu denken. Ob ich tatsächlich vier Rinder in meinem ganzen Leben verputzen werde, weiß ich nicht. Auf jeden Fall weiß der „Fleischatlas“, den der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und die Heinrich-Böll-Stiftung jetzt herausgegeben haben, dass der Durchschnittsdeutsche außerdem noch 945 Hühner und 46 Schweine in seinem Leben verzehrt. Aufs Jahr gerechnet 60 Kilogramm Fleisch, auf den Tag 165 Gramm. Das kommt bei mir einigermaßen hin. Mein Fleischkonsum hat sich über die Jahre und Jahrzehnte kaum verändert. Ich liebe Entenkeulen, Tafelspitz, geräucherte Schweinebacke oder Hirsch.
Die Fleischatlas-Autoren sehen darin ein globales Problem. Auch wenn ich genau weiß, dass die Schweine aus dem Nachbardorf bei der Fleischerei landen, wo meine Frau stets einkauft, ist das Schnitzel respektive ich neuerdings mitverantwortlich für Umwelt- und Welternährungsprobleme. Ohne mich! Wer glaubt, den hungernden Kindern in Afrika würde eine Drosselung des Fleischkonsums helfen, irrt. Zunächst einmal sollte man die EU verklagen, dass sie Zwangsquoten für Biodiesel eingeführt hat, welches die Preise für Agrarprodukte in die Höhe trieb. Und dann sollten die Vereinten Nationen alle korrupten Machthaber eliminieren, die ihre Bevölkerung leiden lassen, während sie sich die Taschen voll stopfen. Auch das herbei geredete Umweltproblem (pupsende Kühe) ist Kokolores, wenn in Asien Hunderte Kohlekraftwerke neu gebaut werden oder wenn immer mehr Kreuzfahrtschiffe als Super-Dreckschleudern des verbrannten Schweröls gemütlich über die Meere schippern. Ohne mich!
Aber ich bin ja nicht unempfänglich dafür, dass das beständige Schlechtes-Gewissen-machen auf meine Umgebung wirkt. Manche Leute erzählen mir, sie würden jetzt weniger und besseres Fleisch essen, das aber bewusster genießen. Haben sie vorher nicht bewusst genossen? Haben sie vorher nur Schlachtabfälle gekauft? Ich glaube, die Einbildungskraft spielt in dieser Diskussion eine viel größere Rolle als die Produkte selbst. Außerdem stellt sich die Frage, was damit gewonnen ist. Die Rettung der Tiere ist eine Illusion. Wenn wir alle Vegetarier würden, gäbe es keine Tierzucht mehr. Deshalb wäre mein Vorschlag, die erwachten Fleischverächter verbrächten ihren Urlaub in einem aufstrebenden Schwellenland, um die Bewohner, die dank des gewachsenen Wohlstandes mehr Fleisch auf dem Teller haben wollen, genau davon abzubringen.
All meine Vorbehalte bedeuten nicht, dass man hierzulande nichts ändern müsste. Problematisch ist nach wie vor in manchen Bereichen die Tierhaltung, auch die Tierverarbeitung und die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen, aber all das ließe sich gesetzlich zum Besseren korrigieren, wenn die Politik eben darin ein Problem sähe.
Ansonsten soll doch bitteschön jeder mit oder ohne (Bio-)Schweinebraten so leben wie er möchte. Die moralische Überlegenheit gewisser Asketen ist kaum mehr als ein morgendlicher Pups auf der Weide.
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3 Kommentare
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Wolfgang Haase aus Allermöhe | 23.01.2013 | 17:22  
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Simone Wedler aus Curslack | 27.01.2013 | 10:39  
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Wolfgang Haase aus Allermöhe | 27.01.2013 | 20:14  
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