So Seh Ich das: Sag mir, wo Du wohnst...

In deutschen Großstädten leben arme und wohlhabende Menschen zunehmend getrennt voneinander, so eine Studie der Universität Köln. Soziale Schichten bleiben immer mehr unter sich. Das zeige ein Vergleich statistischer Daten aus den Jahren 1990 und 2005, sagte der Leiter der Untersuchung, Jürgen Friedrichs.
Um das festzustellen, muss man nur mal mit offenen Augen durch die Städte laufen. Berlin-Neukölln und Charlottenburg, Hamburg-Steilshoop und Poppenbüttel: Wer am selben Tag durch jeweils zwei Stadtteile geht, denkt, er ist in zwei verschiedenen Welten und nicht nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt.
Die Häuser, die Sprache, die Einkaufsmöglichkeiten – alles ist anders. Wer sich jemals am selben Tag in einen Edel-Edeka in Pöseldorf verirrt und anschließend vor Aldi in Jenfeld-Zentrum stand, weiß, was ich meine.
Eine unselige Entwicklung. Auf der einen Seite verstärkt sich der Effekt von sichtbarer Armut in bestimmten Gebieten. Auf der anderen Seite versuchen sich die Bessergestellten in ihrer eigenen beschaulichen Lebenswelt einzumauern.
Das ist besonders für Kinder und Jugendliche hart, so Stadtforscher Hartmut Häußermann, wenn ihre Familien weder Geld noch Kontakte in andere Stadtteile haben. Die kennen dann oft keinen mehr, der überhaupt arbeiten geht. Um sie herum beziehen alle Hilfeleistungen, den Freunden in der Schule geht es ähnlich. Wer oder was soll die noch für Schule oder Lehrstellensuche motivieren? Der stets propagierte freie Markt korrigiert diese sozialen Unterschiede nicht. Im Gegenteil, Vermieter wollen homogene Quartiere. Die werben sogar damit, dass eine bestimmte Klientel nicht bei ihnen wohnt. Und wie egoistisch Anwohner gutbürgerlicher Stadtbezirke einen Kampf gegen sozial Schwächere führen, lässt sich an vielen Stellen beobachten. Erst im August wollten Anwohner per Gerichtsbeschluss in Hamburg-Sasel die Einrichtung einer Wohngruppe in ihrer Siedlung unterbinden. Das Baurecht soll verhindern, dass hier auf Dauer zehn Jugendliche aus schwierigen Familienverhältnissen wohnen – mitten drin im ruhigen, gediegenen Wohngebiet.
Das geht doch nicht! Die beschauliche Stadtteilidylle war bedroht. Die Angst vor Lärm, vor Unruhe und vor einem Wertverlust der eigenen Immobilien ist bei vielen inzwischen größer als die Sorge um das Wohl von Kindern, Alten oder Behinderten. Mal sind es Jugendliche aus Problem-Familien, mal ist es ein Kindergarten, mal ein Hospiz im Wohngebiet: „Ja, die müssen irgendwo hin, aber doch bitte nicht zu mir“, heißt es dann. Todkranke in der Nachbarschaft? „Auf keinen Fall!“ Heute scheut sich niemand mehr, seine Vorurteile in Fernsehkameras zu sprechen: „Also ich gehe jeden Abend und auch tagsüber mit dem Hund, und ich muss sechsmal an diesem Gebäude vorbei“, so ein Nachbar gegenüber dem NDR-Team „Panorama“. „Da liegen mindestens 16 todkranke Menschen. Damit ist der Tod jetzt in eine unangenehme Nähe gerückt.“ Ja, manche Dinge sollten in die Nähe gerückt bleiben. Niemand möchte Schwerverbrecher oder eine Sondermülldeponie in der Nachbarschaft haben. Aber, wo spielende Kinder, Hospizbewohner oder Geringverdiener zum Problem werden, läuft etwas mächtig schief in der Gesellschaft.
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