Was bedeutet co-abhängig?

Für die Familienangehörigen ist es oftmals extrem schwer, mit dem Thema Alkoholsucht des Betroffenen umzugehen.
Man macht es sich einfach nicht bewusst: Was bedeutet es für Familie und Freunde, wenn eine Person im eigenen Umfeld alkoholabhängig ist?

Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse werden unterdrückt und es entwickeln sich infolgedessen häufig krankhafte Verhaltensweisen, depressive und psychosomatische Störungen.

B. ist richtig wütend geworden. Es gab einen Streit mit ihrem Mann, der eigentlich eine Kleinigkeit war und sich zu einer großen Sache mit lautem Wortgefecht entwickelt hat; warum ein Wort das andere gegeben hat, weiß sie eigentlich nicht mehr. B. ist erwachsene Tochter aus alkoholkranker Familie – die Mutter trinkt seit über 30 Jahren an den Wochenenden und des Öfteren abends beim Essengehen, sie hat ein Alkoholproblem. Sie trinkt dabei nicht viel, etwa 2 bis 3 Gläser Wein, doch meist kommt es danach zum Streit mit ihrem Ehemann, B.s Vater.

Gesellschaftlich wird dieses Verhalten stark verharmlost, man kennt Aussagen wie beispielsweise „das doch nicht so schlimm“. Doch hier sprechen die Fachleute bereits vom „schädlichen“ Gebrauch von Alkohol. Das bedeutet, es liegt ein Missbrauchsverhalten vor – ein Alkoholkonsum mit nachweislich schädlicher Wirkung in körperlicher oder psychischer Form, ohne dass eine Abhängigkeit vorliegt.
Das gilt auch für das soziale Umfeld, etwa wenn in der Folge ein Unfall passiert ist. Die negativen Konsequenzen trägt zumeist die gesamte Familie. Für die Diagnose muss das schädliche Gebrauchsmuster seit mindestens einem Monat bestehen, oder über einen längeren Zeitraum hinweg mehrfach aufgetreten sein. Die Alkoholkranken entwickeln infolge eingeschränkter Urteilsfähigkeit gängige Reaktionsmuster wie etwa Enthemmung, Streitlust, Aggressivität und Affektlabilität.
In der Bundesrepublik leben 1,3 Millionen Alkoholabhängige laut Bundesgesundheitsministerium. Jährlich sterben in Deutschland zwischen 42.000 und 74.000 Frauen und Männer direkt oder indirekt durch Alkoholgenuss. Die Zahl der mitbetroffenen und mitleidenden Angehörigen wird auf rund 8 Millionen geschätzt. Das Robert Koch Institut schätzte etwa 2004 den jährlichen volkswirtschaftlichen Schaden auf 20 Milliarden Euro.
Gerade die engsten Angehörigen von Alkoholkranken sind von den Auswirkungen betroffen. Denn sie entwickeln Verhaltensweisen, die sie sich zunächst gar nicht selbst klarmachen. Sie versuchen, den Konsum des Alkoholikers zu kontrollieren, decken sein übermäßiges Trinken nach außen, entschuldigen ihn, nehmen ihm die Verantwortung für sein Verhalten ab, indem sie sich in falschverstandener Fürsorge um ihn kümmern – zum Teil über lange Jahre.
Die als co-abhängig bezeichneten Personen leiden mitunter ihr Leben lang an den Folgen der Sucht und vertuschen, schirmen ab, werden Einzelgänger. Gerade Kinder aus alkoholkranken Familien haben häufiger als andere Schwierigkeiten, enge Bindungen einzugehen oder mit Kritiken umzugehen, haben häufiger Selbstzweifel, bauen eine clowneske, eine unscheinbare oder aber besonders aggressive „Fassade“ auf. Diese besondere Problematik der Angehörigen von Alkoholikern stellt ein eigenständiges Krankheitsbild dar.
Für diesen Personenkreis gibt es ebenso wie für die Alkoholkranken einige Selbsthilfegruppen. Hier können die Angehörigen lernen, die Verantwortung für ihr eigenes Leben wieder zu erlangen.
Zum Beispiel gibt es die Al-Anon Familiengruppen, eine Selbsthilfegemeinschaft, die sich ausschließlich an die Angehörigen von Alkoholikern richtet. Sie sind 1951 in den USA aus den Anonymen Alkoholikern mit dem alleinigen Ziel, den Angehörigen Trost und Hilfe anzubieten, hervorgegangen. Es gibt keine Mitgliedsbeiträge oder Teilnehmerlisten. Die Anonymität aller Hilfesuchenden wird gewährleistet. Informationen bei: Al-Anon Familiengruppen, Zentrales Dienstbüro Essen, Telefon: 0201/773 007. Ortsgruppen sind auf www.al-anon.de zu finden.

Weitere Gruppen:
• Blaues Kreuz, Bundeszentrale Wuppertal, Telefon 0202/620 030, www.blaues-kreuz.de.
• Die Guttempler, Bundesgeschäftsstelle Hamburg, Telefon 040/245880, www.guttempler.de.
• Der Kreuzbund, Bundesgeschäftsstelle Hamm, Telefon 02381/672 720, www.kreuzbund.de
• Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe, Geschäftsstelle Kassel, Telefon 0561/78 04 13, www.freundeskreise-sucht.de.

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