Das größte Musikinstrument der Welt

    Hamburg: Erlöserkirche |

Das größte Musikinstrument der Welt

Ist sicher die Orgel. Nun nicht gerade die in der Lohbrügger Erlöserkirche; die ist nur die größte im Raum Bergedorf/Lohbrügge. Aber das ist ein Titel, auf den wir durchaus stolz sein können.
Früher dachte ich, eine Harfe ist groß, ein Flügel ist groß, aber eine Kirchenorgel ist um ein Vielfaches größer. Das, was man von ihr sieht, nennt sich das Prospekt. Die meiste Technik und vor allem die meisten Pfeifen sind dahinter verborgen.

Vor zweihundert Jahren…

…das war eine Zeit, da gab es keine Bassboxen, Ghettoblaster, Elektronik, kein Radio, kein Fernsehen und vor allem kein MP3. Über Handies hat man noch nicht mal nachgedacht und auch dass es jemals das Internet geben würde, konnten sich nicht mal Science Fiction Autoren vorstellen.
Aber auch damals haben die Bässe in der Musik die Menschen beeindruckt. Wollte man sie hören, so ging man hin, wo eine große Orgel stand. Mit Bassboxen kann die Kirchenorgel noch immer locker mithalten. Sie hat aber auch sehr schöne Obertöne. Das Spektrum ist viel breiter als das, was uns an moderner Musik täglich im Radio vorgesetzt wird.

Der 4. Deutsche Orgeltag

Heute, am 14.09.2014 zum Deutschen Orgeltag lud der Freundeskreis der Kirchenmusik Lohbrügge zu einem sehr schönen Konzert von Christopher Ledlein ein. Ich bin nicht unbedingt eine Kirchengängerin, aber Orgeln faszinieren mich. Tatsache ist, dass der weitaus größte Teil aller Orgeln in Kirchen steht. In der Musikhalle, die heute Laeszhalle heißt, gibt es eine, in der Musikhochschule Hannover, aber das sind eher Ausnahmen.

Sind Orgeln antiquiert?

In der modernen Musik spielen sie tatsächlich keine Rolle. Warum? Nun, sie lassen sich nicht bewegen. Eine Band, die eine Konzerttournee machen will, kann allenfalls von Kirche zu Kirche ziehen und findet überall ein anderes Instrument vor. Elektronische Orgeln lassen sich leicht transportieren, und wenn wir mal einige Jahre zurückblicken, so in die 70er Jahre, dann stellen wir fest, dass die elektronischen Instrumente von heute, die wir als Keyboards kennen, aus elektronischen Nachbildungsversuchen von Kirchenorgeln hervorgegangen sind. Den Klang und die Anschlagsdynamik eines Klaviers nachzubilden, war anfangs überhaupt nicht möglich. Mit der sich rasant entwickelnden Elektronik war es immer besser möglich, fast alle mechanischen Musikinstrumente nach und nach ziemlich originalgetreu nachzubilden. Aber es bleiben immer Nachbildungen.

Pfeifenorgeln sind Instrumente, von denen nicht eines genau wie ein anderes ist. Eine elektronische Nachbildung kann daher immer nur eines der Originale versuchen nachzumachen. Hinzu kommt, dass der Raum, in dem das Instrument gespielt wird, seine ganz eigene Akustik hat. Die gleiche Orgel würde in einer kleinen länglichen Kirche völlig anders klingen als in einer Kathedrale. Und so klingt auch jede Komposition nicht nur bei jedem Organisten unterschiedlich, sondern auch abhängig von Ort und Orgel.

Lauter Pfeifen…

Eine Orgel besteht aus sehr viel Mechanik und Pfeifen. Anders als bei anderen Instrumenten sitzt der Organist mit dem Rücken zum Publikum und wenn es sich um eine Kirche handelt, sitzt das Publikum auch noch mit dem Rücken zum Instrument. Im Konzertsaal spielen die Instrumente sonst vor dem Publikum. Ob das eine andere Akustik ergibt, weiß ich nicht zu sagen.

Das Prinzip ist wie bei einer Flöte. Wind wird durch die Windladen gepustet, auf der Pfeifen stehen. Soll eine Pfeife erklingen, dann wird die Luftklappe darunter geöffnet. Das geschieht mit Hilfe komplizierter Drahtzüge, die mit dem Manual, der Klaviatur verbunden sind. Wenn Luft in die Pfeife strömt, erklingt der Ton. Jede Pfeife kann aber nur genau einen Ton spielen, da sie nicht wie bei einer Flöte Löcher hat, die man öffnen und schließen kann. Warum das nicht so ist, kann ich leider auch nicht beantworten. Vermutlich wäre der mechanische Aufwand nicht machbar gewesen.

Für jeden Ton braucht eine Orgel also eine Pfeife. Die kleinste Pfeife ist nur ein paar Zentimeter hoch und ziemlich dünn, während die größte je nach Orgel bis zu 32 Fuß (etwa 10 m lang), in Ausnahmefällen sogar 64 Fuß lang sein kann. Eine Orgel, die 54 Tasten pro Manual hat, wie in Lohbrügge, benötigt 54 Pfeifen. Das würde aber sehr öde klingen. Deshalb hat eine Orgel verschiedene Klangfarben. Es gibt also Pfeifen, die bei gleichem Ton (gleiche Note) unterschiedlich klingen. Die Blechpfeifen klingen schriller als die Holzpfeifen. Ja, HOLZpfeifen! Die sind im Querschnitt in etwa quadratisch und sind meist in größerer Zahl vorhanden als die Metallpfeifen. Metallpfeifen bestehen aus einer Legierung von Zinn, Blei und etwas Kupfer. Zinn alleine wäre zu teuer und zu weich. Blei wäre zu schwer und ebenfalls zu weich. Nur die richtige Mischung erlaubt es, große Pfeifen zu bauen, die auch über Jahrhunderte spielbar bleiben. Besonders die Holzpfeifen, die Dichtungen aus Filz und Leder und die Windladen aus Holz verändern sich mit der Luftfeuchtigkeit. Deshalb muss diese wie bei Flügeln und Klavieren konstant gehalten werden. Ein Nachstimmen ist möglich, aber entsprechend der Anzahl Pfeifen sehr teuer.
Beide Sorten Pfeifen gibt es als "normale" Pfeifen, die oben offen sind und als "gedackte" Pfeifen, die oben geschlossen sind und dadurch doppelt so tiefe Töne von sich geben.
Alle Pfeifen (in unserem Falls 54 Stück) einer Klangfarbe ergeben zusammen ein "Register".
Damit ein Orgelstück gut klingt, werden meist mehrere Register gleichzeitig aktiviert.

Was, wenn es nicht weht?

Wie gesagt, ist die Orgel ein Windinstrument. Früher mussten Helfer riesige Blasebälge mit Körperkraft betätigen, damit genügend Wind zum Spielen der Orgel vorhanden war. Diese mühsame Arbeit nehmen uns heute Elektromotoren bzw. Ventilatoren ab, die gedämpft auch keine lästigen Nebengeräusche mehr erzeugen. Je größer eine Orgel, umso mehr Wind wird benötigt, wenn viele Register gleichzeitig gespielt werden. Je mehr Pfeifen gleichzeitig erklingen, desto mehr Wind entweicht. Ist der Wind zu stark oder zu schwach, dann klingen die Pfeifen auch nicht mehr richtig. Das richtige Maß hinzubekommen gehört zur hohen Schule des Orgelbaus.

Leise spielen

Nun denkt man vielleicht, wenn man leise spielen will, könnte man einfach weniger Wind durch die Pfeifen pusten. Aber das funktioniert nicht. Die Pfeifen haben eine bestimmte Lautstärke, die sich nicht ändern lässt. Die Orgelbauer haben sich aber einen Trick ausgedacht, mit dem man die Lautstärke der Orgel nach Bedarf reduzieren kann: Vor dem Pfeifenwerk befinden sich Türen, die geöffnet und geschlossen werden können. Der Organist regelt das mit einem oder mehreren Fußschwellern. Auf dem Foto sind die Klappen (ganz oben) offen, die darunter sind geschlossen (weiß).

Besonderheiten

Die Orgel in der Erlöserkirche hat ein besonderes Register, das vor der Balustrade angebracht ist. In Braunschweig gibt es eine Orgel, die hat eine "spanische Trompete", die nicht senkrecht steht, sondern in den Raum hinein ragt. Wie gesagt, jedes Instrument ist schon alleine deshalb individuell, weil es so gut wie nie zwei Räume gibt, die gleich sind.

Das Orgelkonzert

Für Kenner der klassischen Komponisten sind die Orgelstücke sicher interessant. Mich persönlich begeistert der Klang. Eine große und gut gepflegte Orgel scheppert nicht und erfüllt den Raum mit ihrem Klang, wie es kein Lautsprecher vermag. Die Musik erfüllt mich. Mal ist sie stürmisch, mal romantisch, eindringlich und dann wieder leicht oder getragen. Orgelmusik ist alles andere als langweilig. Die Bässe dringen mindestens genauso in mich ein, wie bei Konzerten mit moderner Musik. Und noch eins: es stört kein Schlagzeug, das ja sowas von überstrapaziert wird, dass es einem irgendwann zu den Ohren wieder raus kommt. Ein Orgelkonzert ist also eine willkommene Abwechslung vom allgemeinen Einheits-Musik-Brei. Und unsere Orgelstücke sind auch ein Stück unserer Kultur, die viel zu sehr aus dem Blickfeld geraten sind. Das hängt zum Teil mit dem Kirchenpublikum zusammen. Ich habe da so viele grauhaarige Menschen gesehen und gar keine jungen. Wir sollten denen sagen, wie cool gute Orgelmusik ist und dass sie durchaus mit modernen Bands konkurrieren kann. Beim Orgelkonzert gibt es auch nicht das "lästige, langweilige" Gerede. Musik pur und das auch noch für eine kleine Spende, was wollt Ihr mehr?

Danach noch der Empfang
Nach dem Konzert hatte der Freundeskreis noch zum Empfang geladen. Gibt es das beim Rockkonzert auch? Nein.
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