Wenn Worte endlich einen Sinn ergeben: 7,5 Millionen Deutsche können nicht richtig lesen und schreiben - auch Sevil D. nicht, doch sie lernt es jetzt

Geesthacht. Dass Sevil D. ihrem siebenjährigen Sohn heute ein wenig bei den Hausaufgaben helfen kann, ist für die Geesthachterin nicht selbstverständlich. "Lesen und schreiben konnte ich noch nie so richtig", sagt die 35-Jährige.

Sevil D. - ihren ganzen Namen will sie lieber nicht nennen - war lange Zeit eine sogenannte funktionale Analphabetin. Das heißt, sie konnte mit Mühe einzelne Sätze lesen, aber mit zusammenhängenden Texten hatte sie Schwierigkeiten. Wie Sevil gelten in Deutschland laut der aktuellen Leo-Studie der Universität Hamburg etwa 7,5 Millionen Menschen als funktionale Analphabeten. Das sind 14 Prozent der Bevölkerung. Rund 40 Prozent davon sind Frauen laut der Studie, für die mehr als 8000 Menschen befragt wurden. Unter den funktionalen Analphabeten haben 4,4 Millionen laut der Uni Hamburg Deutsch als Erstsprache gelernt.

Sevil gehört nicht dazu. Sie ist zwar in Geesthacht geboren, hat über ihre Eltern, die aus der Türkei stammen, in der frühen Kindheit allerdings eher Türkisch gesprochen. Neben den funktionalen Analphabeten klassifiziert die Leo-Studie etwa vier Prozent der Deutschen als Analphabeten im engeren Sinn. Das heißt, die Betroffenen können einzelne Wörter lesen und verstehen, aber keine ganzen Sätze. Ein Prozent aller Erwachsenen erreichen beim Lesen und Schreiben laut der Studie nicht die Wortebene.

Wie es dazu kam, dass Buchstaben und Texte für sie ein Buch mit sieben Siegeln blieben, weiß Sevil heute selbst nicht mehr genau. "In der dritten Klasse bin ich drei Mal sitzen geblieben. Warum, das weiß ich gar nicht mehr." Sie ging damals auf die Buntenskampschule. Weil sie im Unterricht den Anschluss verloren hatte, kam sie auf die Hachede-Schule. Sevil schlug sich durch, ein weiterer Einbruch kam jedoch, als mit 14 Jahren ein Herzfehler bei der Jugendlichen entdeckt wurde und sie operiert werden musste. Mit 18 Jahren hatte Sevil immerhin das Abgangszeugnis der Hachede-Schule in der Hand. Lesen und schreiben konnte sie allerdings immer noch nicht richtig. Ohne richtigen Schulabschluss und ohne wirklich lesen und schreiben zu können, blieb Sevil der Weg in die Arbeitswelt versperrt. "Ich hatte ein paar Putzjobs, das war's", sagt die junge Frau. Ihre Geschwister dagegen, Sevil hat eine Schwester und zwei Brüder, haben alle Arbeit gefunden. Bei ihnen suchte Sevil auch Hilfe, wenn sie mit einem Schreiben für die Behörde oder Antrag nicht weiterkam.

Als Sevil D. Mutter wurde - sie zieht ihren Sohn alleine groß - begann ihre Situation immer mehr zur Last zu werden. "Manchmal war es schon peinlich. Als ich einmal mit meinem Sohn im Krankenhaus war, sollte ich ein Formular ausfüllen. Ich habe dann gesagt: Ich nehme das mit nach Hause und bringe es am nächsten Tag", erzählt Sevil D. Doch der Wunsch war endgültig da, etwas zu ändern, "auch, um meinem Sohn in der Schule zu helfen", sagt sie. Und so fragte sie bei der Arge an, ob es nicht einen Kursus gäbe, in dem sie lesen und schreiben lernen könne.

So kam Sevil erst in den Alphabetisierungskursus für Deutsche Muttersprachler der Volkshochschule (VHS). Weil sie dort Schwierigkeiten hatte, ging sie dann in den Integrationskursus mit Alphabetisierung, den Dozentin Antje Kurz ebenfalls an der Volkshochschule gibt. "Sevil ist in meinem Kursus die beste Schülerin. Man merkt, dass ihr das guttut", sagt Kurz. Sevil D. habe ihr Leben lang das Gefühl gehabt, vieles nicht zu können wegen ihrer Lese- und Schreibschwäche. "Sevil ist eine Ausnahme, weil sie sich selbst darum gekümmert hat, etwas an ihrer Situation zu ändern. Bei den meisten ist das nicht so", weiß Danuta Gardas von der VHS Geesthacht. Generell sei es schwer, Betroffene zu erreichen. "Das funktioniert nur, wenn Nachbarn oder Familienangehörige aufmerksam sind", sagt Gesa Häsler von der VHS.

Sevil D. konzentriert sich jetzt erst mal darauf, den Alphabetisierungskursus gut abzuschließen. Danach will sie eventuell einen Führerschein machen. Und dann? "Vielleicht eine andere Arbeit finden als einen Putzjob, das wäre schon gut", sagt sie.
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