So seh ich das: Paralympics London 2012 - noch chancengleich?

Ein Lauf zwischen Bewunderung und Zweifel: Oscar Pistorius aus Johannesburg ist der erste beidseitig unterschenkelamputierte Läufer, der bei Olympia teilgenommen hat: Vor einigen Wochen hat der „schnellste Mann ohne Beine“ in London das Halbfinale im 400-Meter-Lauf erreicht und zudem die vier mal 400 Meter Staffel im finalen Lauf unterstützt.
Gleich im Anschluss startet er nun auch am selben Ort bei den Paralympics über 100, 200 und 400 Meter sowie bei der vier mal 400 Meter Staffel. Der Südafrikaner sieht sich dabei eher nicht als Pionier: Der 25-jährige Leichtathlet auf Carbon-Prothesen hat nur die vorläufige Endstation seiner Sehnsucht nach einem langen sportpolitischen Rennen durch die Instanzen erreicht.
Einerseits finde ich es bemerkenswert, dass Pistorius, der auch „Blade Runner“ genannt wird, für seine Träume kämpft und einen langen Atem beweist. Es ist auch wichtig, dass er durch seine Medienpräsenz den Behindertensport wieder mehr ins Gespräch bringt. Zum anderen ist es nicht fair den anderen Sportlern gegenüber – sowohl denjenigen bei Olympia als auch den Paralympioniquen. Es wird zwar betont, dass das Material der Spezialanfertigungen keinerlei Wettbewerbsvorteil bringt. Bisher ist auch noch kein Läufer damit schneller gewesen als ein Sprinter mit gesunden Beinen.
Doch der Umstand, dass Pistorius eine geschickte Marketingkampagne angeschoben hat und diese spezielle Ausrüstung nutzen kann, ist ein enormer Vorsprung insbesondere vor anderen Athleten aus ärmeren Ländern.
Fakt ist, dass Kambodscha den weltweit größten Anteil von Amputierten in der Bevölkerung hat, dieses Land schickt allerdings nur eine einzige Athletin nach London. Seng Hon Thin kann sich eine teure High-Tech-Ausrüstung nicht leisten, sie hat dafür noch keine Sponsoren gefunden.
Thin ist über die Wildcard reingerutscht, eine Einladung für Sportler aus ärmeren Ländern, die sich nicht qualifiziert haben. Gekauft haben Freunde die Beinprothese mit der sie läuft, die umgerechnet drei kambodschanische Jahresgehälter kostet – rund 2500 Dollar. Andere Läufer haben Ersatzbeine für zehntausende Dollar.
So verkommt die ursprüngliche Idee, allen Menschen eine Chancengleichheit und Akzeptanz über den Sport zu bieten. Denn wer keine gute Ausrüstung und Trainingsbedingungen nutzen kann, hat auch bei den Paralympics keine Chance mehr. So wird es nur noch der Vergleich zwischen Menschen mit und Menschen ohne technologisch ausgefeilte Hilfen. Einzige Lösung hier wäre vielleicht eine Einheitsfeder für alle, gestellt vom Veranstalter.
Außerdem sollte sich ein Sportler für eine Wettbewerbsform entscheiden: Wer bei Olympia läuft, sollte nicht mehr bei den „Spielen neben Olympia“ auftreten. Schließlich hat Pistorius lange dafür gestritten.
Am Sportsgeist sollte er wohl auch noch etwas arbeiten, und nicht sofort nach dem Rennen in seiner Klasse über den schnelleren Konkurrenten herziehen – im 200 Meter-Finale wurde Pistorius nur Zweiter.
Ironie dabei: der Publikumsliebling mit Millionenwerbeverträgen schimpft über die technische Ausrüstung des anderen Läufers. Also genau das Thema, das er selbst jahrelang durchgefochten hat: Er war von Wettkämpfen mit nichtbehinderten Sportlern ausgeschlossen worden, mit dem Argument, dass seine Karbonfedern kein faires Rennen zuließen. Bis der Internationale Sportgerichtshof Cas entschied, dass die Sonderanfertigungen keinen Vorteil gegenüber unversehrten Beinen darstellten.
Und erst über die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema bekommen die Paralympioniquen auch die Akzeptanz und die Anerkennung, die sie selbst wollen und verdient haben.
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