Seniorenzentrum am Katzberg: "Was ist denn bei euch los? Müsst ihr raus?"

Acht Frauen, die sich im Seniorenzentrum Katzberg wohlfühlen. Vordere Reihe, von links: Ingeborg Schwefel (88), Käthe Harden (91), Gerda Knoblauch (85), Margot Kiesau (85). Hintere Reihe: Ursula Schwarzer (88), Gertrud Fornell (82), Christel Lehmann (74), Marta Hornbostel (78).
Geesthacht. „Ich bin 91 Jahre alt, ich glaube nicht, dass ich hier noch mal aussiehe“, sagt Käthe Harden. „Das dauert ja noch Jahre, bis die einen Bauplatz finden, das hat alles noch Zeit“, wirft Margot Kiesau (85) ein, die auf der einen Seite abgeklärt auf die Neuigkeiten reagiert, auf der anderen „ihr“ Seniorenzentrum am Katzberg verteidigt: „Wir betrachten das Heim hier als unser Zuhause. Da müssen die Stadtverordneten uns ja nicht dauernd verrückt machen.“
Machen Sie aber. Die Stadt Geesthacht will das städtische Seniorenzentrum, das Jahr für Jahr mehr als 200000 Euro Minus erwirtschaftet, loswerden. Der Traum wäre für die Mehrheit der Ratsversammlung, einen solventen Investor zu finden, der das in die Jahre gekommene Haus abreißt, an anderer Stelle neu aufbaut und den Personalstamm ohne Einschränkungen übernimmt. Ein echter Traum und für Ursula Schwarzer (88) der falsche Weg. „Auch die Krankenhäuser sollten in öffentlicher Hand bleiben.“ Margot Kiesau wirft den Verantwortlichen Unredlichkeit vor. „Jeder Politiker sagt, er sei ja so sozial, aber ist das hier sozial gedacht?“

Mit einer Ausnahme sind die Bewohner sehr zufrieden


Das Gezerre um die Zukunft des Heimes hat zumindest eins in den Geesthachter Köpfen bewirkt. Das Seniorenzentrum ist bildlich ohne drohende Abrissbirne kaum mehr vorstellbar. „Wenn ich in die Stadt gehe, werde ich angesprochen: Was ist denn bei euch los? Müsst ihr raus?“, erzählt Christel Lehmann (74).
Nein, wer das Seniorenzentrum in der Johannes-Ritter-Straße betritt, muss keine Angst vor Einsturzgefahr haben. Es sieht freundlich und einladend aus. Die Bewohner fühlen sich wohl. Ingeborg Schwefel (88) liebt den Teich im Garten, Käthe Harden berichtet von den Ausflügen, Margot Kiesau mag die Sauberkeit in allen Ecken, Ursula Schwarzer das freundliche Personal. Einmal angefangen, hören die Bewohnerinnen gar nicht mehr auf, ihr Heim zu loben. Mit einer Ausnahme. Zu viele Doppelzimmer sind für das Heim eine existenzielle Bedrohung. Als das Seniorenzentrum Katzberg mit seinen 35 Einzel- und 41 Doppelzimmern gebaut wurde, spielten die Wünsche der Bewohner noch eine untergeordnete Rolle. Heute wächst eine selbstbewusste Hochbetagten-Generation nach, die trotz beginnender Pflegebedürftigkeit auf Privatsphäre pocht. „Eine eigene Toilette und ein eigenes Waschbecken, das macht für uns Frauen viel aus“, weiß Margot Kiesau. Heimleiterin Ute Riedel hat vollstes Verständnis dafür. „Eine Heimstruktur mit vielen Doppelzimmern, das möchte keiner mehr.“
Gertrud Fornell (82) lebte ein halbes Jahr im Doppelzimmer, bis sie in ein Einzelzimmer wechseln konnte. Da ihre Bettnachbarin einen Rollstuhl besaß, und entsprechend die Wege frei gehalten werden mussten, fühlte sie sich sehr eingeengt. „Ich hatte nur noch zwei Quadratmeter.“ Andere berichten von den Schwierigkeiten, sich mit einer Schwerstkranken ein Zimmer teilen zu müssen. Ein weiteres Problem: In einigen Bereichen steht nur eine Nasszelle für zwei Doppelzimmer zur Verfügung. „Für vier Bewohner eine Toilette, das klappt auch nicht immer“, sagt Ursula Schwarzer. „Aber man kann ja der Doppelzimmer wegen nicht das Haus abreißen“, wendet sie ein. Doch! Eine Kernsanierung dieser Zimmer soll laut Gutachten teurer als ein Neubau sein.
Unternimmt die Stadt nichts, wird sich die Situation mit den Jahren ohnehin verschärfen. Die Doppelzimmer werden immer schwerer vermittelbar sein. Eine sinkende Belegung erhöht wiederum das Defizit und beschleunigt damit das Aus.

Die Stadt sucht einen dummen Investor

Ein kluger Investor würde erst gar nicht die Auflagen der Stadt akzeptieren, sondern unabhängig davon mit einem neu erbauten 80-Betten-Heim in Geesthacht die Konkurrenz so weit erhöhen, dass das städtische Seniorenzentrum untergeht. „Das Personal zu den jetzigen Bedingungen komplett so übernehmen, das kann ja gar nicht klappen“, sagt Ute Riedel. „Hätte man konzeptionell und baulich schon vor Jahren etwas unternommen, wären wir weiter.“ Stattdessen wartet die Stadt auf ein Wunder.
Das Seniorenzentrum am Katzberg ist ein perfektes Beispiel dafür, dass die politischen Entscheidungen mit einem blinden Auge getroffen werden.
Hier wird sehr gute Arbeit geleistet, hier werden noch die von der Politik geforderten Tariflöhne gezahlt. Noch. Denn das Defizit von jährlich einer Viertel Million Euro wird über kurz oder lang die Mitarbeiter zu Abstrichen zwingen. Die Tarifstruktur wird als Luxus der Vergangenheit deklariert. Die Zukunft liegt in der Privatisierung mit allen Nachteilen für die Angestellten. Und das, obwohl die Branche mit massiven Nachwuchsproblemen zu kämpfen hat. Seit Jahren fehlen allerorten gut ausgebildete Pflegekräfte. Was die Politik auf der einen Ebene verbessern will, stößt die Politik auf einer anderen Ebene wieder um.
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