Als Kind hatte ich auch einen...

Kinderkoffer
 
Hoheiten am Gründelsloch
 
Schnell Hoheiten fotografieren, und dann kommt der Wolkenbruch. Es ist schon finster
Kindelbrück: Gründelsloch | ...Koffer aus Kindelbrück. Kindelbrück nannte man die Kofferstadt, so wie Ichtershausen die Nadelstadt und Schmölln die Knopfstadt waren. Waren, denn die glanzvollen Zeiten, in denen ein Großteil der Bevölkerung Arbeit in den besagten Industrien hatte, sind leider vorbei. Trotz Wende und vieler Veränderungen, die damit einhergingen, gibt es gerade in den neuen Bundesländern zu wenige Arbeitsplätze und niedrigere Löhne. Die große Kofferfabrik in Kindelbrück gehört zu den Opfern des Wandels. Leere Fensterhöhlen starren wie ein Mahnmal aus zerbröselnden Gebäuden.

Den Menschen in Thüringen bleibt nichts anderes, als damit zu leben und das Beste aus ihrem Leben zu machen. Sie haben noch nichts von Kindelbrück gehört? Das ist seltsam, denn Sie hatten immerhin 725 Jahre dafür Zeit. So alt ist diese Stadt nämlich gerade geworden, und das hat man mit einem mehrtägigen Fest ausgiebig gefeiert.

Eigentlich erstaunlich, dass gerade in der ehemaligen DDR heute Königinnen, Prinzessinnen, Feen und andere Hoheiten als Symbolfiguren Konjunktur haben. Stadtfeste werden mit Hoheitentreffen geadelt, und in Kindelbrück waren es deutlich mehr als 20.

Hamburg hat keine so bedeutende Einzelindustrie, dass man es danach benennen könnte, aber es gibt die Königin der Texte. Dann ist Hamburg wohl die Stadt der Texte. Die durfte in Kindelbrück nicht fehlen, und so war Charlene Wolff, die Königin aus Hamburg-Bergedorf angereist, um ihre Stadt würdig zu vertreten.

Wo auch immer die Königin der Texte hinkommt, wird sie vielbeachtet. In Kindelbrück gehört sie praktisch schon zur Familie. Das ist auch etwas, was die Menschen in den neuen Bundesländern auszeichnet; man gehört sehr schnell dazu, während man im Westen (in den gebrauchten Bundesländern) als Gast eher ein Fremdkörper bleibt, auch wenn man gut behandelt wird.

Kindelbrück hat als Symbolfigur die Gründelslochfee. Nadine Heffe hatte dieses Amt seit 4 Jahren mit viel Leben erfüllt und viele Orte besucht, auch Hamburg. Nun war es Zeit, das Amt an eine neue Gründelslochfee weiterzugeben. Zu diesem Anlass waren viele Mitglieder ihrer "königlichen Familie" angereist.

Das Gründelsloch ist eine Naturerscheinung. Wie ich bereits in einem früheren Artikel berichtet habe, brach eines Tages eine Karstquelle hervor und sprudelt seitdem Unmengen an extrem kalkhaltigem Wasser hervor. Das Wasser kommt aus mindestens 3 Quellen und gibt dem kleinen See, den man Gründelsloch nennt, eine wunderschöne blaugrüne Farbe. Vor Jahren wollten Taucher das Gründelsloch genauer erkunden, was jedoch nicht gelang, da das Wasser in solchen Mengen hervorsprudelt, dass kein Taucher bis tiefer als 15m hinabtauchen konnte.

Thüringen ist eine Landschaft, in der es solche plötzlichen Erscheinungen gibt. Da kann sich plötzlich die Erde auftun und eine Quelle hervorbrechen oder auch mal ein tiefes Loch entstehen, in das ein Haus verschwinden kann. Nun sind nicht Trolle dafür verantwortlich, sondern geologische Gegebenheiten.

In der "Rinne" bei Kindelbrück hat man auch steinzeitliche menschliche Knochen und Gerätschaften ausgegraben, so dass man weiß, dass die Gegend schon sehr sehr lange besiedelt war. Thüringen ist eine sehr schöne Gegend. Die Landschaft ist abwechslungsreich, fruchtbar, es gibt Schlösser und nette Menschen, die schöne Feste feiern. Die Hoheiten sind das i-Tüpfelchen und geben dem Ganzen noch ein bisschen mehr Glanz.

Die neue Gründelslochfee heißt Angelina und ist gerade erst 12. In ihrem tollen Kleid macht sie Eindruck. Wie viele Jahre sie den Ort vertreten wird, werden wir sehen, denn anders als in vielen Gemeinden stehen in Kindelbrück die Mädchen Schlange, um einmal Gründelslochfee sein zu dürfen. Das ist sicher auch ein Verdienst der Familien Heffe und Ernst, die die bisherige Gründelslochfee Nadine so unglaublich unterstützt haben.

Thüringen gehört zu den Gebieten in Deutschland, wo richtig Karneval gefeiert wird. Da gibt es viele Vereine, Tanzgruppen und Musikgruppen, die alle zu solchen Festen ihren Teil beisteuern. Das vermisse ich in Hamburg. Unsere Stadtfeste werden von Händlern und Ess-Ständen dominiert und nicht so sehr von Herzblut, und das spürt man. Ich für meinen Teil würde jedenfalls viel lieber Teil des Karnevals sein, als ihn mir nur anzusehen. Und selbst zum Anschauen müsste ich nach Süden reisen. Wir Nordlichter kennen Karneval nur als Veranstaltung wie das LiLaBe. Die Thüringer würden darüber sicher nur verstört den Kopf schütteln.

Stadtfest, 725 Jahr Feier und Krönung der neuen Gründelslochfee sind natürlich kein Karneval. Aber dieselben Leute, die sich im Karneval engagieren, tun es auch im Sommer.

Am Gründelsloch war Frühschoppen mit den Hopfentaler Musikern. Die Hoheiten erschienen zum Fototermin vor dem wunderschön in der Sonne leuchtenden Gründelsloch. Kaum waren die Kameras weggepackt, ergoss sich von oben ein Sturzregen. Da half auch kein Flüchten. Im Nu waren die Königinnen, Prinzessinnen und Feen durchgeweicht bis auf die Haut. Auch das gehört zum Business einer Königin. Da hilft nur Kleid auswringen, lächeln und winken.

Die Familie der Gründelslochfee hatte sich wieder alle Mühe gegeben, die Hoheiten perfekt zu versorgen. Bald ließ der Regen nach, und man saß bei fröhlichen Gesprächen im Garten, die Kleider hingen auf der Leine, manch eines wurde mit dem Föhn getrocknet, und es gab gutes Essen und Getränke.

Die zahlreichen Hoheiten wurden mit dem Wagen vom Obstbauern zum Betriebshof und dann im Umzug durch Kindelbrück gefahren. Die Straßen von Kindelbrück waren wieder gesäumt von Menschen, die ihnen begeistert zuwinkten. Die Türme von Rathaus und Kirche geben die markante Silhouette der Stadt ab. Der Festzug mit etlichen Wagen und Musik schlängelte sich durch die engen Straßen bis hin zum Festplatz am Ried. Wie jedes Jahr gab es eine Kirmes. Das ist sowas wie ein kleiner Hamburger DOM.

Auf dem Tanzplatz unter den Linden wurde der traditionelle Kindelbrücker Bändertanz aufgeführt. Vertreter aus der Politik waren auch gekommen. Der Landrat meinte, man hätte den Tanz doch lieber in Thüringer Trachten aufführen sollen, aber auf die Idee, das dafür nötige Geld zu bewilligen, ist er nicht gekommen. So ist das bei Politikern. Marie Antoinette ist einst dafür geköpft worden, weil sie im Prinzip den gleichen Fehler gemacht hat. Sie hat empfohlen, dass das Volk Kuchen essen sollte, weil es nicht genug Brot gab. Dass es aber erst recht keinen Kuchen gab, hat sie nicht begriffen. Ich glaube, der Landrat wird nicht geköpft.

Am Abend spielt beim Heimatfest immer Live Musik. Dieses Jahr verzogen sich allerdings viele der Zuschauer ins Festzelt und sahen sich lieber die Übertragung der Fußball-EM an.

Mehr Fotos gibt es auf der Webseite der Bergedorfer Königin
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