Holo, Lola und die Königin der Pellkartoffeln

Freitagabend in der Kartoffelhalle Selfie der Hoheiten
 
Freitagabend in der Kartoffelhalle Die neue Pellkartoffelprinzessin hält ihre Antrittsrede
 
Freitagabend in der Kartoffelhalle Bürgermeister Kirsten
Hohenlockstedt: Hohenlockstedt | Einmal im Jahr feiert Holo seine Pellkartoffeltage. Holo? Früher hieß es LoLa. Verwirrt? Also nochmal im Klartext. Als Holo bezeichnen Eingeweihte den Ort Hohenlockstedt bei Itzehoe. Früher nannte man ihn LoLa, nämlich Lockstedter Lager. Es war ein riesiger Truppenstützpunkt der kaiserlichen Armee. Nach dem ersten Weltkrieg verlor das Lockstedter Lager seine militärische Bedeutung. Im Laufe der Zeit hatten sich bereits Ansiedlungen um den Stützpunkt herum gebildet, und nun begann eine Industrialisierung. Die Lolabürsten waren weithin bekannt zum Geschirr Abwaschen. Es begann ein Wandel hin zu einem Wohnort mit der dazugehörigen Infrastruktur. Irgendwann wurde er dann zu Hohenlockstedt im Kreis Steinburg.

Wie gesagt, einmal im Jahr feiert man in Hohenlockstedt die Pellkartoffeltage. Kartoffeln wachsen vielerorts, aber hier zelebriert man eben die Pellkartoffeln. Das gibt Holo ein Alleinstellungsmerkmal. Die hier angebauten Kartoffeln kann man natürlich auch anders zubereiten, aber jeder Ort will sich von der Masse abheben und auf diese Weise für sich werben. Und so gibt es in Holo die Pellkartoffelkönigin (die einzige in Deutschland, während es mehrere Kartoffelkönige oder –königinnen gibt) und ihre Prinzessin.
Nachdem ich inzwischen weiß, dass Dithmarschen 80 Millionen Kohlköpfe pro Jahr produziert, hätte mich nun interessiert, wie viele Kartoffeln Hohenlockstedt produziert. In Tonnen hat man das erfahren, nicht aber in Stück.

Das Königshaus ist so organisiert, dass eine Prinzessin ins Amt gehoben wird, ein Jahr lang den Ort repräsentiert und dann zur Königin aufsteigt. Eine neue Prinzessin wird gekürt, und nach einem weiteren Jahr geht der Rhythmus von vorne los. Die Königin geht also nach einem Jahr Prinzessinnenzeit und einem Jahr Königinnenzeit in den Ruhestand. Schön wäre es, wenn sie dann nach nur 2 Jahren Amtszeit eine ansehnliche Rente bekäme, aber es ist ein Ehrenamt, in das man viel Zeit und auch eigenes Geld investiert, aber nichts verdient. Mancherorts führt das auf Dauer auch zu einem Mangel an Nachwuchs.

Einmal Prinzessin sein, ist für viele Mädchen ein Traum. Dass dieses Amt aber auch mit viel Einsatz verbunden ist, können sich manche nicht so recht vorstellen.

Die Pellkartoffeltage sind in Holo bereits eine beliebte Tradition. Die Höhepunkte sind das Kartoffelfest in der Kartoffelhalle am Freitagabend und der Erntedankumzug mit Festmarkt und Bühne auf dem Marktplatz am Sonntag.

Beim traditionellen Kartoffelfest sind Hoheiten aus nah und fern zugegen. Bürgermeister Kirsten, verschiedene wichtige Persönlichkeiten aus Politik und Landwirtschaft halten Reden. Auf der Bühne gibt es ein buntes Programm von Schulen und Vereinen des Ortes wie auch Gaststars. Da war dieser Landwirt, der auf Plattdeutsch das Publikum zum Lachen brachte... Die Pellkartoffelkönigin wird abgekrönt. Die Prinzessin wird in einem offiziellen Akt zur Königin gekrönt und eine neue Prinzessin ins Amt gehoben. Ein Rückblick auf die zurückliegende Amtszeit, Besuch aus einer der Partnergemeinden in Dargun (Mecklenburg-Vorpommern)oder Lapua in Finnland sind zugegen, und für das leibliche Wohl wird mit Pellkartoffeln (!) und Käse von der Schleswig-Holsteinischen Käsestraße gesorgt.

Die Stimmung ist immer gut und der Abend kurzweilig.

Am Samstag finden verschiedene Aktivitäten statt. Da gibt es u. a. die Pellkartoffelläufe mit verschiedenen Entfernungen. Die Hoheiten mit ihren weiten Kleidern laufen nicht mit, sind aber dabei.

Die Pellkartoffelhoheiten laden meist etliche befreundete Hoheiten ein, die dann das ganze Wochenende oder stundenweise dabei sind. So war z. B. der Kartoffelkönig aus Neuenkirchen da, die Rapshoheiten von der Insel Fehmarn, die Hyazinthenkönigin aus Boitzenburg, aus Adendorf die Eishoheiten oder die Heidekönigin mit Gefolge aus Wittorf. Die weiteste Reise hatte vermutlich die ehemalige Weinprinzessin Christina aus Albertshofen bei Würzburg. Sie gehört genau wie die Königin der Texte aus Hamburg fast schon zum Inventar.

Die Hoheiten on Tour besuchen auch Orte wie das Heimatmuseum, den Wasserturm, der Wahrzeichen von Hohenlockstedt ist oder die Fischzucht Knutzen. Das ist natürlich ein Ausflugstipp nicht nur für VIPs.

Hohenlockstedt hat einen eigenen Flugplatz, den „Hungrigen Wolf“. Dort kann man dem Flugbetrieb zuschauen und sehen wie ein Heißluftballon gestartet wird.
Sehr schön kann man auch die Fallschirmspringer beobachten. Wir hatten das Glück, dass gerade Hochbetrieb herrschte.

Der Ernteumzug am Sonntag gehört in die Kategorie "groß". Fanfaren- und Spielmannszüge, mit Erntegut geschmückte Wagen, Schulen und Vereine ziehen durch die von Menschen gesäumten Straßen. Vorneweg stilvoll die Pellkartoffelkönigin mit ihrer Prinzessin in einer Pferdekutsche. Dahinter der Wagen der "Hoheiten on Tour" mit den Gasthoheiten, den ehemaligen Pellkartoffelköniginnen und deren Gefolge. Wie beim Karneval wird mit Bonbons geworfen. Manch einer versucht sie mit seinem Regenschirm (der nicht für Regen gebraucht wurde, weil das Wetter trocken war) aufzufangen. Der Umzug zog durch die Straßen von Holo und auch vorbei an vielen Autos von denen so mancher Bonbons durchs offene Fenster geworfen bekam. Blitze zucken – die von Kameras. Eine Drohne filmte im Auftrag der Stadt zum ersten Mal den Umzug aus der Luft.

Ein schöner Umzug und lang. Viele Besucher kommen regelmäßig zu den Pellkartoffeltagen in die Stadt. Dass gleichzeitig im benachbarten Dithmarschen die Kohltage gefeiert werden, tut dem keinen Abbruch.

Und dennoch hat man es nicht leicht in der Landwirtschaft. Viele Höfe haben bereits aufgegeben. Die Milchbauern haben besonders 2016 sehr unter den extrem niedrigen Milchpreisen zu leiden gehabt. Auch werden längst nicht mehr so viele Kartoffeln gegessen, wie vor 50 Jahren. Unsere Lebensweise befindet sich im Wandel. Die schwere körperliche Arbeit macht immer mehr sitzenden Beschäftigungen Platz, und auch die Ernährung hat sich stark verändert. Früher hat man die einheimischen Früchte gegessen. Heute gibt es alles das ganze Jahr über, aber nur, weil es aus fernen Ländern importiert wird. Auch die Aufbewahrung ist revolutioniert worden. Viele Lebensmittel kann man heute deutlich länger lagern als mit den althergebrachten Methoden.

Kleinere Höfe rentieren sich heute nicht mehr. Andere haben Nachwuchssorgen. Viele Bauern kommen langsam ins Rentenalter, nur finden sie niemanden, der ihren Hof weiterführen will. Die Kinder gehen lieber anderen Berufen nach, in denen sie mehr verdienen oder weniger arbeiten müssen, und der Beruf des Landwirts gehört nicht unbedingt zu den erstrebenswerten und angesehenen.

Doch vielleicht ändern sich die Zeiten gerade. Immer mehr Menschen besinnen sich wieder auf die Qualität und wollen wissen, woher das Essen kommt, das auf ihrem Tisch landet. Bio ist immer mehr gefragt, und sieht man sich an, was in dem fertigen Essen drin ist, was in unseren Supermärkten verkauft wird, dann fragt man sich manchmal, ob alles aus Guakernmehl und Johannisbrotkernmehl gemacht wird und was das überhaupt ist und wieso es da drin ist. Das ist oft genauso unerklärlich wie das Mikroplastik im Shampoo.

Manches Stadtkind glaubt, Fischstäbchen würden im Meer aufwachsen und von Captain Iglo geangelt oder Hühner hätten 6 Beine, weil in der Packung Chicken Wings 6 Stück drin sind. Auch dass die Milch oder die Schokolade von lila Kühen stammt, wird jeder Landwirt vehement bestreiten. Dabei habe ich die lila Kuh doch selber mit lila Schokolade gefüttert!

Wenn einem das Wochenende auf den Pellkartoffeltagen nicht gefallen haben sollte (was unwahrscheinlich ist), dann hat man zumindest die gute Landluft genießen können. Selbst wenn man Hohenlockstedt als Stadt bezeichnet, ist sie von Landwirtschaft rundherum geprägt und hat nicht die Umweltprobleme einer Großstadt wie Hamburg.
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