Im Fernsehstudio

    Hamburg: Studio Hamburg | Anheimelnd indirekt ist das Café del Sol beleuchtet in einem warmen ins Orange gehenden Farbton. Die indirekte Beleuchtung betont die Strukturen der rauen Wand. Ich schaue nach oben. Von der Decke hängen Lampen wie Messingschalen. Über dem breiten mit verglasten Holztüren verschlossenen Durchgang zur Terrasse befindet sich ein Balkon mit stabilem Metallgeländer, und ich frage mich, welchen Sinn der haben könnte, denn es ist kein Zugang erkennbar.

Ein drahtiger junger Mann serviert meinen Kaffee. Ich erinnere mich an meinen Roman. Da habe ich an einem ganz ähnlichen Ort gesessen. Nun, er sah nicht ganz so aus, lag aber ebenfalls auf dem Gelände von Studio Hamburg, und es sind ja inzwischen auch 8 Jahre ins Land gegangen. Da hat sich vieles verändert. Heute sitze ich wieder hier.

Vielleicht kommt gleich eine Gruppe Männer vorbei, die aufgeregt ruft "Hi, ach bist Du nicht DIE Charlene?". Und anschließend erklärt mir jemand, das sei nur Anmache, in Wirklichkeit habe der noch nie von mir gehört. Aber ich würde mich trotzdem geschmeichelt fühlen… So war das doch im Roman. Willkommen in der Realität! Dummerweise.

Ich stehe auf und bezahle. Der Apfelkuchen war teuer, aber das Stück war lecker und gigantisch. So gesehen war der Preis durchaus angemessen.
Es ist Oktober. Auf dem Studiogelände fegt ein leichter Wind raschelnd herabgefallene Blätter hin und her. Im Schaukasten betrachte ich die Aushänge. Ein paar Jobs sind zu besetzen, und ich könnte mir vorstellen, dass mir die Tätigkeiten sogar Spaß machen würden. Aber wenn ich sehe, welche Abschlüsse und Berufserfahrungen dafür gefordert werden, dann muss ich passen.

Die schöne bunte Welt des Fernsehens hat sich auch drastisch verändert, seitdem es nicht mehr nur die staatlichen Sender gibt, die mit viel Aufwand teuer produziert haben. Viele kleine und große Produktionsgesellschaften und Sender sind entstanden, die mit immer weniger Budget produzieren und sich gegenseitig den Rang abzulaufen versuchen. Die Technik ist in gleichem Maße geschrumpft, wie die Inhalte der Portemonnaies. Wir erinnern uns an die Fernsehkameras, die die Ausmaße großer Kühlschränke hatten. Heute kann sie ein Kameramann locker auf der Schulter tragen.

Am Empfang bekomme ich meine Platzkarte. Ich bin Publikum, Publikum für die Livesendung Quiz Duell im Ersten. Alles, was ich bei mir trage, muss ich abgeben. Ins Studio darf man keine Handys, Handtaschen oder Jacken mitnehmen.
Zuschauerblöcke A, B und C werden separat aufgerufen. Zwei junge Männer kontrollieren, ob man auch wirklich nichts mit hinein nimmt, eine junge Dame sammelt die Abschnitte der Platzkarten und die Erklärungen zur Rechteverwertung ein. Das Fernsehen muss natürlich sicher sein, dass Aufnahmen der Besucher auch gesendet werden dürfen. Kein Problem, denn dafür bin ich ja hier, und überhaupt stehe ich als Königinja ständig im Rampenlicht der Öffentlichkeit, also kann ich natürlich nichts dagegen einzuwenden haben, im Fernsehen zu sehen zu sein. Am besten ganz groß und auf der Bühne. Aber heute bin ich ja nur Zuschauer.

Es geht ins Studio. An der Wand links hängen säuberlich aufgerollte Kabel verschiedenster Farben und Stärken, rechts eine Wand aus schwarzem Stoff. Wir gehen hinter den Kulissen entlang zu unseren Plätzen. Eine Tür mit der Aufschrift "Klimaanlage – Tür bitte geschlossen halten". Weiter geht es. Mein Blick fällt durch eine Lücke im schwarzen Stoff. An einem leuchtenden Bildschirm sitzt ein Fernsehtechniker. Weiter. Wieder eine Öffnung im Schwarzen. Rechts sind die gepolsterten Bänke von Block B. Vor mir ein großer hell erleuchteter Raum wie eine Arena. An den Wänden ungezählte Scheinwerfer, drei blaue Installationen mit der Aufschrift "Quiz Duell" teilen das Publikum in drei Bereiche. In der Mitte des Studios stehen zwei Pulte für die Quizkandidaten und eines für den Moderator. Mir gegenüber ein schwarzer Regiebereich, wo eine Menge Technik steht.

Ich setze mich auf meinen Platz. Für jeden Zuschauer liegt dort ein iPod bereit. Auf dem Display steht meine Nummer. Aus Lautsprechern ertönt dezent Musik. An der hohen Decke baumeln Unmengen der verschiedensten Scheinwerfer. Ein Kran mit einer Kamera steht im Regiebereich, eine weitere, doch noch recht große mir gegenüber, weitere Kameras sind vor den schwarzen Vorhängen nur schwer auszumachen, aber sie sind da; im Vergleich zu früher klein und zierlich.

Ein dynamischer junger Mann betritt die Bühne mit einem Mikrofon. Ein Warm-Upper. Er hat die Aufgabe, das Publikum anzuheizen und darauf einzustimmen, eifrig mitzuklatschen, zu jubeln und bei der Übertragung mitzugehen. Der Warm-Upper zieht sich Steppschuhe an und legt eine heiße Steppnummer aufs Parkett. Aus englischsprachigen Songs spielt er Passagen vor, die sich wie Deutsch anhören und sehr lustig sind, z. B. "Oma fiel ins Klo" und anderer Unsinn. Die Stimmung steigt.
Dann betritt Jörg Pilawa unter tosendem Applaus die Bühne. Er macht weiter, wo der Warm-Upper aufgehört hat, bis es Zeit ist für den Beginn der Sendung. Bei diesem Format spielen zwei Promis gegen einen Kandidaten, der unterstützt wird durch Menschen, die über das Internet mitspielen. Viele der Fragen sind nicht einfach und die Zeit zum Antworten sehr kurz bemessen. Die Zuschauer im Studio können mit ihren iPods mitspielen, aber die Fragen erscheinen sehr plötzlich bevor die Kandidaten sie bekommen und rauschen rasend schnell durch. Dann ist es schon vorbei, und die Kandidaten sind gerade erst dabei, mit der ersten Runde zu beginnen. Hat man verstanden, wie das abläuft, kann man im richtigen Moment klicken, was einem die Beantwortung aber auch nicht wirklich leicht macht.

Während der Sendung fährt der Kamerakran hin und her und ein Team mit Steadycam (eine Kamera, die Erschütterungen ausgleicht, und mit der man beim Gehen stabile Videos aufnehmen kann) läuft immer wieder über die Bühne. Einer von beiden führt die Kamera, der andere stellt sie mit einem kleinen Bedienelement scharf. Wenn geklatscht werden soll, merken die Zuschauer es eigentlich selber, aber der Warm-Upper gibt trotzdem sein Signal. Die Stimme des Quizmasters geht im Klatschen unter. Im Fernsehen hört man sie gut, weil er ja ein Mikrofon am Kopf trägt, das seine Stimme direkt aufnimmt.

Schon bald sind wir nur noch Zuschauer und gehen mit der Sendung mit, und all das, was nebenbei im Studio passiert, rückt in den Hintergrund.

Dann ist die Sendung vorbei. Ein Zuschauer hätte 500€ gewinnen können, wenn die Promi-Kandidaten nicht bei den letzten Fragen ein wenig zu lange gezögert hätten.
Ich bin dabei gewesen und habe mal wieder Studioluft geschnuppert. Das war für mich der Grund, warum ich gekommen bin. Über einen Gewinn hätte ich mich gefreut, aber bei der Zahl der Teilnehmer stehen die Chancen nicht sehr hoch.

Schade eigentlich, dass man nur Karten als Zuschauer bekommen kann und nicht als Promi für das Rateteam.
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