Meine Lieblingsboutique macht auch zu

Auch Silky Moden macht zu. Bis Mai bleibt es uns noch erhalten, und dann...?
 
Neujahrsempfang im historischen Bergedorfer Rathaus. Sprecher: die Vorsitzende des Bürgervereins und der Vorsteher des Bezirksamtes Bergedorf
 
Na dann Prost auf die Zukunft von Lohbrügge!
Hamburg: Holstenhof |

Warum sterben in Bergedorf so viele Läden?

Wie mir nach der Umgestaltung der Alten Holstenstrasse ja bereits aufgefallen war, stehen dort eine ganze Reihe Läden leer. Ich bin gespannt, was dort passieren wird. Die Leerstände könnten lange dauern. Nun hat auch der Edekamarkt am Lohbrügger Markt seine Tore geschlossen.

Meinungen

Beim Neujahrsempfang im Rathaus am 05.01.2014 erfuhren wir, dass man stolz ist, die Sanierung der Fußgängerzone weitgehend und mit gutem Ergebnis abgeschlossen zu haben. Dass der Geschäftsmix in Bergedorf zu wünschen übrig lässt, führen viele, darunter auch der Vorsitzende des Bezirksamts, Herr Dornquast, darauf zurück, dass die Bergedorfer zunehmend weniger bereit sind, in Fachgeschäften den Preis der Beratung zu bezahlen.

Die Kunden sind Schuld

Das ist meines Erachtens nur ein Teil der Wahrheit. Ein anderer sehr wichtiger Gesichtspunkt wurde auf dem Neujahrsempfang des Bürgervereins Lohbrügge am 12.01.2014 genannt, aber nicht in den richtigen Zusammenhang gesetzt:
"Wir sind froh über die Sanierung der Alten Holstenstrasse und dass die Grundstückseigentümer sich bereit gefunden haben, über die nächsten Jahre mit 650.000 Euro den Erhalt und die Sauberkeit zu unterstützen."

Großzügige freiwillige Beteiligung der Grundeigentümer

Ist das wirklich eine gute Nachricht? Woher kommen die Gelder? Wir können doch nicht ernsthaft glauben, dass die Grundstückseigentümer, möglicherweise Investmentgesellschaften und andere profitorientierte Unternehmen das Geld freiwillig und aus der eigenen Tasche investieren! Es wird natürlich auf die Mieten umgeschlagen, die dann auf eine Höhe steigen, bei der sich für so manchen kleinen Laden die Existenzfrage stellt. So geschehen beim Bastelladen. Erhöht ein Vermieter die Miete, dann ziehen die anderen nach. Ein Gespräch mit dem Inhaber von Silky Moden bestätigt meinen Verdacht. "Wir schließen im Mai nach dann 20 Jahren. Der Grund ist die Miete und dazu kommt dann noch die inzwischen 17-fache Konkurrenz." Ich mag den Laden. Er ist so schön klein und kuschelig, aber vollgestopft mit interessanten Sachen. Das ist zwar nicht so übersichtlich, aber dadurch viel spannender. So manch ein tolles Kleid hätte ich da gekauft, wenn es in meiner Größe zu haben gewesen wäre. Aber das ist nicht der Punkt.

Intransparenz, ein Segen für Verkäufer

Im Gegensatz zu anderen Geschäften sind die Preise durchaus nicht überteuert. Wenn ich ein Produkt im Fachgeschäft für 2,95€ kaufen kann, heruntergesetzt von 7,95€, oder gegenüber im 1€ Laden für 1€, dann ist doch klar, wo man kauft. Andererseits gibt es im 1€ Laden auch viele Artikel für 1€, die gegenüber in der Drogerie 79 Cent kosten. Die Intransparenz macht solche Verkäufe möglich. Aber die Preise sind ohnehin ein Problem.

Immer mehr Alte

Die demografische Entwicklung führt dazu, dass unsere Gesellschaft altert. Zwar heißt es, die Renten seien so hoch wie nie zuvor, aber wenn ich mich umsehe, dann finde ich viele Rentner, die gerade eben so über die Runden kommen. Statt des teuren Fleisches vom Schlachter steht der billige Braten aus dem Supermarkt auf der Speisekarte – und auch nicht mehr so oft, selbst das würde sonst zu teuer. Hinzu kommt, dass alte Menschen oft alles haben, was sie zum Leben brauchen, bescheidener sind und ihren Konsum auch aus diesem Grunde zurückfahren.

Arbeitnehmer in Geldnöten

Viele Arbeitnehmer brauchen heute 2 Jobs um ihre Familie ernähren zu können. Ganz besonders schlecht dran sind Alleinerziehende.

Hamburger Tafel

Vor der Tafel in der Lohbrügger Kirchstraße wartet wöchentlich eine lange Schlange von Menschen, die ohne diese Hilfe nicht genug zu essen hätten. Wie sollen diese nicht wenigen Menschen Preise in Fachgeschäften bezahlen können? Sie sind drauf angewiesen, die liegengebliebenen Artikel von gestern zu kaufen und knallhart zu kalkulieren.

Ausgedünnte Mittelschicht

Wir hatten früher eine Mittelschicht in unserer Bevölkerung. Die wurde gefördert mit Wohnbauförderung, vermögenswirksamen Leistungen, Sparzulagen und anderen Vergünstigungen. Seit vielen Jahren legt die Politik aber keinen Wert mehr darauf, und so klafft in unserer Gesellschaft eine bedenkliche Schere. Auf der einen Seite die relativ wenigen Superreichen und auf der anderen Seite die Mehrheit, die sich nur schwer über die Armutsgrenze erheben kann. Auf Dauer muss sich diese Polarisierung zu politischem Sprengstoff entwickeln, der Dimensionen wie in Ländern wie China oder Indien annimmt.

Wer sind die Fachkunden?

Wer hat heute so viel Geld zur Verfügung, dass er seine Produkte normalerweise im Fachgeschäft kaufen kann und es auch tut?

Die Jungen Leute
Die jungen Leute sind es nicht. Die stehen am Anfang ihrer Ausbildung, kaufen im Internet billiger und kommen oft dennoch nicht mit ihrem Geld aus.

Die etwas älteren
Die etwas älteren sind es nur dann, wenn sie entsprechende Positionen im Beruf erreicht haben.

Best-Ager
Die noch älteren sind es vielleicht, aber auch nur dann, wenn sie ihren Arbeitsplatz nicht verloren haben (Outsourcing? Auslagerung in Billiglohnländer? Insolvenz? Ersetzt durch billigere Jüngere? Noch vollkommen gesund und flexibel?). Das sind die Besserverdienenden.

Über 45 = altes Eisen
Ab 45 wird es dann schon wieder kritisch. Wer seinen Job verliert, hat dann gerade noch Aussicht auf einen Billigjob, einen unter extrem belastenden Umständen oder die Langzeitarbeitslosigkeit, sofern er nicht zufällig eine Schlüsselqualifikation besitzt, die gefragt ist. Für die Mehrheit ist es dann vorbei mit dem lockeren Portemonnaie. Jeder Cent muss zusammengehalten werden. Ganz besonders kritisch wird es oft durch eine Scheidung.

Fachgeschäftemix in der Krise

Wie soll in einer solchen Wirtschaftsstruktur ein Fachgeschäftemix entstehen oder überleben können? Die Kosten steigen unaufhörlich, aber die betuchten Kunden sterben weg und werden durch weniger zahlungskräftige ersetzt.
Ein toller Fall ist auch der berühmte Reißverschluss, der im Fachgeschäft teurer ist als die neue Jacke im Supermarkt. Führt das nicht zu einer ungesunden Wegwerfgesellschaft? Noch ein Grund für das Verschwinden von Fachgeschäften.

Immer mehr prunkvolle Ladenpassagen teilen sich die Kunden

Kommt natürlich hinzu, dass immer mehr prunkvolle Ladenzentren aus dem Boden schießen. Auch das scheint mir eine Immobilienblase zu sein, die irgendwann platzen muss. Es gibt nur eine begrenzte Zahl Kunden mit einer begrenzten Menge Geld. Mit Hilfe von Karten kann man das Geld zwar mehrmals ausgeben, aber dennoch ist irgendwo das Ende der Fahnenstange erreicht. Dann wird es zum Verdrängungswettkampf. Erleben wir bald eine Monokultur?

Was tun unsere Volksvertreter?

Wenn die Politik - und damit ist nicht nur die lokale gemeint – nicht gegenlenkt, dann veröden unsere Ladenmeilen.
In unserer Wirtschaft gibt es einen Trend zu immer größeren Firmen. Die Politik fördert nicht die kleinen Unternehmungen, wie es sinnvoll wäre, sondern sie bremst sie mit viel Bürokratie und Vorschriften aus. Das begünstigt die Großen. Die Folgen spüren wir bereits. Muss es erst noch schlimmer werden?
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1 Kommentar
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Horst Höft aus Allermöhe | 08.02.2014 | 19:34  
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