Miss Marple jagt den Betrüger ihrer Eltern

Alte Leute abzocken, das geht ja wohl gar nicht! Ein Fall für Miss Marple - eigentlich. Aber dies hier ist keine Fiktion, sondern eine wahre Geschichte und eine Warnung an alle
 
Lauter unsinnige Positionen zu null Euro mit Summe null Euro
 
Null Euro werden abgebucht! Grins
 
Wir haben keine Geschäftsbeziehung zur Kreissparkasse Melle!
 
Nun eine Rechnung, andere Auftragsnummer und diesmal teuer. Wieder wird abgebucht von einer Bank, mit der wir (zum Glück) keine Beziehung haben
Es begann mit einem Schreiben, das man eigentlich bei Satireseite der-postillon.com erwartet hätte, aber nicht im heimischen Briefkasten.

Als meine Mutter mir eine kryptische Rechnung von O2 an meinen Vater zeigte, staunte ich nicht schlecht.

Vier Positionen waren dort aufgeführt, je ein Stück, Betrag jeweils 0 €, Summe ebenfalls null. Soweit so gut, aber der Absatz darunter war die eigentlich amüsante Satire:

Ich habe lange Jahre im IT-Bereich gearbeitet und kann nur sagen: Computer sind doof. Hier wieder eine Bestätigung dieser Erfahrung:

Den offenen Rechnungsbetrag in Höhe von 0,00 EUR ziehen wir von Ihrem Konto … ein!

Der zweite Irrtum war, dass wir gar keine Geschäftsbeziehung zur Kreissparkasse Melle haben. "Ihr Konto" ist also gelogen.

Solch groben Unfug fanden meine Eltern natürlich Anlass dafür, das Schreiben gleich in den Papiermüll zu verfrachten.


Nur wenige Tage gingen ins Land, da war eine Auftragsbestätigung der Deutschen Telekom für einen Mobilfunkvertrag im Briefkasten, mit dem meine ja doch schon sehr betagten Eltern nichts anfangen konnten. Ich las und staunte nicht schlecht, als ich auf folgenden Absatz stieß:

Mir sprang das Kreditinstitut ins Auge: KSK Melle! Darüber hatten wir bei der Rechnung von Telefónica O2 doch schon gelacht! Nun hieß es also, die blaue Papiertonne durchzuwühlen und das Schreiben wiederzufinden. Die Kontonummer war identisch! Damit war für mich alles klar.

In der Polizeiwache musste ich zunächst eine Weile warten. Ein Autofahrer meldete einen Einbruch in sein Fahrzeug, eine besorgte Mutter dass ihr Kind in der Schule angegriffen wird und die Lehrer nichts unternehmen, ein Ehepaar meldete den Diebstahl zweier Fahrräder, das zweite direkt vor den Augen des Ehemannes am selben Tag, als er sich umdrehte, bei einem weiteren Auto war gleich um die Ecke die Scheibe auf der Beifahrerseite eingeschlagen worden…

Wenn ich hier noch lange warten müsste, würde ich den Glauben an unsere Welt verlieren. Was war nur los? Die Fälle kamen Schlag auf Schlag herein. Ist Hamburg jetzt schon die neue Bronx? Hier könnte ich nicht arbeiten, da würde ich verzweifeln!
Eine Polizistin nahm sich meines Falles an. Auch für die Polizei war es sofort offensichtlich, dass hier ein Betrüger unterwegs war. Sie nahm eine Anzeige auf, tippte dafür ganze Romane in ihren Computer, auch wenn am Ende nur die weinigen Fakten auf dem Papier standen, das ich unterschreiben musste. Mit dem Aktenzeichen 338/1K/642320/2016 und einem 4-seitigen Formular verließ ich die Polizeiwache.

Ich solle die betroffenen Unternehmen informieren, hatte mir die nette Polizistin gesagt. Welches Abenteuer das bedeuten würde, hatte mir niemand verraten.
Nun ist es ja so, dass zwei unserer großen renommierten globalisierten Telekommunikationsunternehmen Verträge mit einem Betrüger abgeschlossen hatten und die Bestätigung an einen klapperigen alten Herrn geschickt hatten, der gar nichts dafür konnte und natürlich ganz aufgeregt war.

Diesen Schreiben könnte man nun wenig Gewicht beimessen, da ja kein Geld vom Konto meiner Eltern abgebucht würde, nur ist das dummerweise nicht die ganze Geschichte, denn die Telekom würde natürlich versuchen, das Geld bei der KSK Melle zu bekommen. Entweder das Konto existierte, dann würde jemand Unbekanntes geschädigt, würde es (hoffentlich) reklamieren und sich das Geld zurückholen, oder aber das Konto existierte nicht. Dann würde die Bank die Abbuchung verweigern. In beiden Fällen würde die Bank von der Telekom Gebühren verlangen. Die Telekom würde daraufhin natürlich eine Mahnung an meinen Vater schicken und dann einen Gerichtsvollzieher, wenn er nicht zahlt. Darauf konnte ich es nicht ankommen lassen. Also rief ich bei der angegebenen Hotline der Telekom an, um die in Kenntnis des Betruges zu setzen.

Nach einer kurzen Warteschlange hatte ich tatsächlich eine Dame am Apparat, der ich den Fall erklärte. Sie sagte, ich solle das schriftlich einreichen. Ich sagte, nicht wir seien diejenigen, die betrogen worden seien, sondern die Telekom sei es, und deshalb wäre es nicht in unserem Sinne, auf unsere Kosten Aufwand zu betreiben, nur um dem Großunternehmen mitzuteilen, dass es Betrügern auf den Leim gegangen ist. Die Dame bestand darauf, ich solle es schriftlich einreichen.

Auf dem Schreiben von O2 fand ich zwar eine Telefonnummer, bei der ich anrufen konnte, aber weder E-Mail noch Faxnummer. Ich rief an. Ein Automat versuchte mich abzuwimmeln. Ich solle ein 1 drücken, wenn ich… Sie kennen das. Ich gelangte immer nur bis zu dem Punkt, wo ich meine Kundennummer und mein Kennwort angeben sollte, das ich natürlich gar nicht hatte, denn mein Vater ist kein Kunde von O2. Nach diesem Erlebnis wird er auch nie ein Kunde von O2 werden!

Mir blieb also nichts anderes übrig, als den beiden Telekomgiganten Briefe zu schreiben. Von der Telekom hatte ich ja telefonisch die Beauftragung bekommen, woraus ich ableitete, dass man mir den Auftrag gegeben hatte, diesen Brief zu schreiben, den ich dann folgerichtig gleich mit einer Rechnung für meine Bemühungen versah. Da als Adresse in der Fußzeile der Name des Aufsichtsratsvorsitzenden angegeben war, adressierte ich meinen Brief direkt an ihn persönlich. Ich teilte ihm den Betrugsfall und das Aktenzeichen mit und dass ich auf seine Stellungnahme gespannt sei.

Bei O2 war es der Geschäftsführer, an den ich mich persönlich wandte. Dann wartete ich ab.


Nach etwa einer Woche erhielten meine Eltern ein Schreiben der Wirtschaftsauskunftei Bürgel, man habe ein Merkmal im FPP (Fraud Prevention Pool) für meinen Vater dort hinterlegt im Auftrag der Telekom. Für einen 94 jährigen Herrn ein unverständliches Schreiben. Es bedeutet, dass dort (sowas wie die bekanntere Schufa) ein Vermerk gespeichert ist, dass ein Betrüger seine Daten in krimineller Weise benutzt. Die Telekom hatte also schnell reagiert, nur geantwortet hat sie bislang nicht.

Etwa 3 Wochen verstrichen. Dann traf bei meinen Eltern eine Rechnung für einen Mobilfunktarif von Telefónica ein.

Meine Eltern waren ganz aufgebracht. Das war gar nicht ihr Konto, und sie hatten auch keinen Handyvertrag abgeschlossen. In ihrem Alter brauchen sie auf gar keinen Fall einen teuren Handyvertrag und erst recht kein mobiles Internet, und mit der Kontonummer konnten sie auch nichts anfangen. Besonders regte sie auf, dass ein Unterlassen von Beanstandungen als Genehmigung gelte, wie es im Kleingedruckten lautet. Verwirrend auch, dass die Rechnung zwei Wochen zurückdatiert war. Als Kontakt war eine teure Handynummer angegeben. Typisch für O2!

Ruft man bei O2 Telefónica an, weil man einen Vertrag abschließen will, dann kann man kostenlos anrufen. Ist man Bestandskunde, also schon im Vertrag gefangen, dann wird man abgezockt. Für mich das absolute Gegenteil von Kundenfreundlichkeit und absolut unseriös. Warum man das nicht endlich ändert, verstehe ich nicht, schließlich hat O2 can do schon lange einen ganz miesen Ruf, was Kundenfreundlichkeit angeht. "O2 can do" (damit machen die Werbung!) soll übersetzt wo heißen "O2 kann es mit Euch machen".

Was ich auch nicht verstehe ist die Geschäftspolitik hinsichtlich solcher Fälle. Reicht man etwas schriftlich ein, dann dauert es doch sagenhaft lange, bis die betrogene Firma reagieren kann. Nicht jeder Rentner hat Email oder Fax, aber selbst das ist O2 ja zu anstrengend. Teure Hotlines mit endlosen Warteschleifen und kein Durchkommen ohne Kundennummer! Für Betrugsopfer ein Unding! Das ist eigentlich ein Fall, den die Verbraucherschützer unbedingt angehen sollten.

Ich verglich. Es war genau dieselbe Kontonummer wie in den beiden vorangegangenen Fällen, nur dass diesmal Geld verlangt wurde.

Am nächsten Tag setzte ich mich an den Computer, um erneut an O2 Telefónica zu schreiben. Da war ein Brief in meinem Briefkasten.

Man entschuldigte sich freundlich für die entstandenen Unannehmlichkeiten und versicherte, dass man selbstverständlich keinerlei Ansprüche gegen meinen Vater geltend mache würde.

Ich bezweifelte jedoch, dass das auch für den neuen Vertrag vom Vortag gelten würde, und musste erneut an diese Telefongesellschaft schreiben, die offenbar mit Betrügern Geschäfte machte, persönliche Daten nicht prüfte und auf Betrugsmeldungen erst nach Wochen reagierte, aber fleißig weiter Verträge abschloss, ohne zu prüfen, mit wem sie es zu tun hatte. Immerhin hätte man sofort eine Sperre für dieses Konto oder die Daten meines Vaters einrichten können, das Aktenzeichen des LKA zur Kenntnis nehmen oder in der Auskunftei nachfragen können.

Die Rechnungen, die ich an Telekom und O2 geschickt habe, sind übrigens auch noch nicht bezahlt worden. Vielleicht sollte ich ein offizielles Mahnverfahren einleiten…? Arbeit und Aufregung habe ich genug mit diesem Fall gehabt.
In meinem Briefkopf steht unübersehbar, dass ich Mitglied bin im Verband Deutscher Fotojournalisten, also Presse. Das sollte den Telekomunternehmen eigentlich klar sein, wenn man meine Rechnung nicht bezahlt, dann veröffentliche ich den Fall. Damit stehen unsere Telekomunternehmen zwar nicht gerade in einem guten Licht dar, aber vielleicht gibt es andere Menschen, bei denen Betrüger eine ähnliche Masche abgezogen haben. Die sind dann gewarnt und können vielleicht von meinem Erfahrungsbericht profitieren.

Ich glaube nicht, dass mein Vater der einzige Betroffene ist. Es könnte sein, dass der Betrüger durch den Diebstahl von Kundeninformationen bei Yahoo an die Daten meines Vaters gekommen ist. Aber er steht auch im Telefonbuch. Woher der Betrüger die Kontonummer hat, weiß ich nicht, aber es ist zum Glück nicht die meiner Eltern. Je mehr Menschen von diesem Fall wissen, desto eher kann die Polizei den oder die Betrüger fassen und desto weniger Chancen hat jemand, auf diese Weise erfolgreich zu sein.

Seitdem hat sich Folgendes ergeben:


Ich habe diesen Text an alle namhaften Tageszeitungen geschickt sowie an die Verbraucherzentrale. Die Bergedorfer Zeitung hat den Fall aufgegriffen und zweimal sehr gute Artikel darüber gedruckt. Sie hat auch bei den beiden Telefongesellschaften angerufen, die sich jedoch bedeckt hielten.

Ein Herr von O2 rief mich an, entschuldigte sich, versprach, dass mein Vater keinerlei Kosten in Rechnung gestellt würden und ein schriftlicher Brief folgen würde.

Dann wurde es wieder Satire: Ich solle bei der Polizei Anzeige gegen Unbekannt erstatten. Nachdem ich O2 das polizeiliche Aktenzeichen bereits zweimal schriftlich mitgeteilt hatte, war es ein Witz, dass dieser Herr davon offensichtlich keine Ahnung hatte. Es wirft ein finsteres Licht auf die interne Kommunikation dieses Kommunikationsunternehmens.

Der Brief kam, und Telefónica formulierte es so, als sei es Kulanz, dass man die "ungewünschten" Verträge storniert habe. Man habe die Gebühren erstattet.

Das forderte natürlich meinen Widerspruch heraus. Ich stellte schriftlich klar, dass es sich um keinen Kulanzfall handelt, weil es ein Betrugsfall war und dass meinem Vater keinerlei Gebühren gutgeschrieben wurden, weil O2 sein Konto überhaupt nicht bekannt war. Meine Rechnung sei auch noch nicht beglichen worden, und ich nähme an, dass man das nunmehr umgehend erledigen würde.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Man bestätigte nochmals, dass man keine Ansprüche an meinen Vater stellen würde und hoffe, der Fall könne damit zu den Akten gelegt werden.

Es war klar: meinen Aufwand würde mir niemand bezahlen. Eigentlich sollte ich doch noch einen Gerichtsvollzieher zu O2 und Telekom schicken…

Die Telekom hat bis heute, 04.11.2016 keinerlei Stellungnahme zu dem Betrugsfall abgegeben. Eine tolle Geschäftspolitik!

Die Verbraucherzentrale hat sich in einem Brief für die Information bedankt, auf ihr Beratungsangebot aufmerksam gemacht und geschrieben, dass sie leider nicht zu jedem Fall Stellung nehmen kann, was ich auch nicht erwartet hatte.

Sollte sich noch etwas Neues ergeben, werde ich versuchen, diesen Bericht weiter zu ergänzen.
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