Das erste Konzert von "The Slanted Raven"

Der erste Auftritt unserer irischen Band im Sommer 2011

(Auszug aus dem Bandtagebuch - von Michael David)

Das, was mich die Woche über mehr in Anspruch genommen hatte, als das heute stattfindende Konzert, war meine nach über einem Jahr Krankheit bevorstehende Wiedereingliederung in meine berufliche Tätigkeit. Anstrengende Telefonate mit der Krankenkasse und Gespräche mit meiner behandelnden Ärztin hatten mich von unserem anstehenden Auftritt ziemlich abgelenkt, der lief praktisch nur am Rande mit. Aber zum Nachmittag hin machte ich mir langsam Gedanken darüber, woran wir alles zu denken hatten. Micros sollten trotz des beschlossenen Außenauftritts vorsichtshalber mitgenommen werden, außerdem Stative, Kabel, Notenständer, die Ordner mit den Texten und frische T-Shirts für den Fall, dass man uns die, die wir anhatten, während des Gigs vor lauter Begeisterung vom Leibe reißen würde. Des Weiteren: Gitarre, Gitarrenständer, Gitarrengurt, Stimmgerät, Ersatzsaiten und Plektren. Trotz allem: Meine Aufregung hielt sich in Grenzen.

Anne war nun von der Arbeit zurück, äußerlich machte sie einen ruhigen Eindruck. Später würde sie sagen, sie wäre sehr nervös gewesen, den ganzen Nachmittag und gerade direkt vorm Auftritt, aber angesehen hat man ihr das nicht. Sie packte auch schon mal Violine und ihre Siebensachen zusammen. Wir stellten fest, dass es noch eine ganze Zeit hin war, bis wir losmussten, mehr als zwei Stunden. Das Warten war eigentlich am Nervigsten.

Wir hatten den meisten Verwandten und Bekannten Bescheid gesagt und waren gespannt, wer tatsächlich als moralische Stütze alles auftauchen würde. Karin hatte sogar noch einen befreundeten Fotografen vom Stormarner Tageblatt kontaktiert.

Gegen 18.30 machten wir uns auf den Weg, um kurz vor sieben fanden wir sogar noch einen Parkplatz beim Jugendhaus. Ohne Instrumente gingen wir erstmal hin, um uns zu orientieren und Andreas zu suchen. Innen, im Saa,l wurde schon gesoundcheckt, während draußen einige Besucher, aber auch Organisatoren eine gewisse Betriebsamkeit verbreiteten. Hier sahen wir auch Andreas. Der zeigte uns sogleich den Backstagebereich, den Hintereingang für die Musiker und ihr Equipment und den Warmspielraum. Es hatte schon was Besonderes, als wir, die ‚Künstler‘, unsere Instrumente reintrugen und in einem Raum verschwanden, in dem andere nichts zu suchen hatten. Irgendwie wurden wir vom gemeinen Volk auch eine Spur anders (respektvoller? ehrfürchtiger?) betrachtet. Inzwischen war nun auch Karin mit Anhang eingetroffen – die Band war komplett. Auch von unseren Leuten trudelten nun immer mehr ein, und das verschaffte uns ein gutes Gefühl.

Da es nun bald losgehen sollte, verschwand The Slanted Raven in den hinteren Raum, und wir spielten uns ungestört mit 3 Songs warm. Klappte gut – wir waren bereit. Ich brachte schon mal Gitarre und Notenständer an die vorher ausgesuchte Stelle des Außenbereiches, die anderen fanden sich dann auch ein. Jetzt erreichte die Anspannung einen neuen, aber immer noch erträglichen Höhepunkt.

Die Begrüßungsrede von Jens Kalke, dem Hauptorganisator, hielt sich erfrischend kurz, und schon stimmte Karin die ersten Takte mit dem Akkordeon an: 'Unter den Thoren'. Wie bei den Proben flutschte das Stück so durch, ohne größere Unfälle, ganz ordentlich. Wir hatten Glück – die Meisten hatten zugehört, das Ende mitbekommen und an der richtigen Stelle geklatscht. Das machte Mut, nahm mir aber nicht die Anspannung durch die Konzentration. 'Hard Times' war der vierte Song, und wurde hart. Meine bei dem Stück gezupfte Gitarre kam kaum noch durch, das Publikum meinte, sich nicht mehr nur auf uns konzentrieren zu müssen und wurde im Laufe des Sets immer redseliger. Anne und Karin gaben sich alle Mühe, aber ihr zweistimmiger Gesang erreichte wohl nur die erste Reihe der Zuhörer – schade. Mir ging es mit 'Hallelujah' nicht besser, obwohl ich ja von den beiden im Refrain unterstützt wurde. Dennoch nahm ich es so hin.

Es störte mich nicht im Geringsten, dass man uns nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte. Ich genoss einfach, hier zu stehen und mit dreien mir liebgewordenen Menschen zusammen spielen zu dürfen – das war es, was zählte. Wir hatten etwas Kreatives geschaffen, etwas Großes, innerhalb eines Jahres, hatten uns zusammen getan, uns gefunden, und bis zum heutigen Tage, bis zu diesem Moment, da wir hier auf dieser Bühne standen, eine schöne und schöpferische Zeit gehabt. Wir waren "The Slanted Raven"! Niemand hatte uns getrieben, wir hatten keinem etwas zu bewiesen und wir waren niemandem verpflichtet. Allein das großartige Gefühl, die Instrumente zur Hand zu nehmen – also etwas selbst in die Hand zu nehmen! - und im Einklang grenzüberschreitendes zu gestalten, zu vollbringen, so, dass das Bewusstsein darum und der Spaß stets im Vordergrund standen – das allein war unser Motiv. Und dies hier, dieser kleine Gig bei dieser tollen Fete mit dem Mut machenden Hintergrund des Atomkraftausstiegs, sah ich als Geschenk, als Belohnung für unser bisheriges Wirken.

Ich sah kurz auf ins Publikum, verspielte mich prompt, und sah doch einige strahlende Gesichter. Nicht nur der Applaus hinterher, sondern das lächelnde Glück in den Gesichtern der Zuhörenden während des Spielens ist etwas so unbeschreiblich schönes, etwas wunderbares, das explosionsartig bis ins Herz der Seele trifft. Egal, ob als gefeierter Profi, der schon jahrelang im Geschäft ist, oder wir als Hobby-Musiker; egal ob es ein gemaltes Bild ist oder eine selbstgetöpferte Tasse; egal, ob es ein emotional aufgeführtes Theaterstück ist oder ein gut getroffenes Gedicht – wenn man es schafft, durch Kreativität, durch Ausdruck, durch die Kunst die Menschen zu berühren, ein Lächeln auf ihre Gesichter zu zaubern und sie zusammen zu bringen, dann ist dies mehr wert als alle materiellen Reichtümer dieses Universums zusammen. Das ist es, was uns antreibt, was uns besser werden lässt, was unsere Talente anspornt und weiter gestalten lässt. Ja, wir würden als "The Slanted Raven" weiter schöpferische Zeiten zusammen haben, und Spaß, weil wir in der glücklichen Lage sind, uns in der Musik wieder zu finden und mit ihr, mit unserer Musik, uns selbst ein Lächeln auf unsere Seelen zu zaubern…

Ohne größere Störfälle oder SuperGAUs kamen wir zum Ende. Bei den wenigen Aussetzern wurde einfach weitergespielt, so dass es das Publikum fast gar nicht merkte. Das letzte Stück, 'Radioaktivität', als eine Art besondere Zugabe dieser Veranstaltung, als eine Hommage an die Bewegung hier gedacht, wurde kaum noch wahrgenommen - so hatte ich das Gefühl. Aber der Abschlussapplaus war schon nicht schlecht. Andreas sollte dies später bestätigen: „Entweder, die fanden’s wirklich gut, oder sie waren froh, dass wir endlich durch waren… Nein, Scherz beiseite, ich habe hinterher durchweg positive Rückmeldungen erhalten.“

Jetzt merkte ich dann doch sowas wie Erleichterung, folglich musste ich doch ziemlich angespannt gewesen sein. Karin und Anne strahlten um die Wette, als unsere Leute noch während des Applauses auf uns zukamen. Große Zustimmung allerorten. Alle hatten in den nächsten Stunden, und auch den Tagen danach, davon zu berichten, von wem sie auf welchen Song angesprochen wurden. Aber sie sagten uns auch übereinstimmend, dass wir doch lieber mit einer PA singen sollten. Die Fotos und Videos, die wir hinterher sehen würden, gaben eine sympathische Band wider, und selbst ich fand, dass wir einen guten Eindruck machten.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.