Dialog im Dunkeln – Wenn Dunkelheit zur Erfahrung wird.

Hamburg: Dialog im Dunkeln | Bis vor 10 Minuten war ich noch ausgelassen und habe mit meinen Mädels den Junggesellinnenabschied einer Freundin gefeiert. Nun sitze ich hier in der Speicherstadt in Hamburg auf einem Holzstuhl in der Runde mit den Mädels und bin still. Kleine Schweißperlen sammeln sich auf der Stirn, die Knie werden weich, ich atme wie durch einen Strohhalm – ich habe Angst.

Panische Angst.

Was auf mich zukommt? Ich weiß es nicht. Ich weiß, „da drinnen“ ist es dunkel und jemand, der blind oder sehbehindert ist, wird mich durch verschiedene Alltagssituationen führen und, was ich noch weiß – ich hab Angst im Dunkeln.

Ein Mann kommt auf unsere Gruppe zu, mein Herz bleibt stehen. Es geht los.

„Wer ist die, die so Angst hat?“

Ich melde mich und er bittet mich mitzukommen. Nun weiß auch jeder in der Vorhalle, dass ich ein Angsthase bin.

Der Mann bittet mich in den Vorraum zu treten und erklärt mir ganz kurz, dass mir nichts passiert und ich keine Angst haben brauche. Ich soll ihm vier Schritte folgen.

An der linken Seite ist eine Metallstange, an die ich mich nun ängstlich festklammere. Wir gehen einen kleinen Bogen und dann ist es dunkel. Nicht so dunkel, wie Nachts auf dem Dorf oder im Zimmer, nein, richtig dunkel. Schwarz. Meine Augen flackern. Ich bekomme Panik, versuche normal zu atmen. Der Mann nimmt meine Hand und sagt: „Ganz ruhig, ich will Dir nur zeigen, wie dunkel es ist. Wir sind keine Geisterbahn, hier kommt niemand, der Dich erschreckt oder anspringt“.

Als ich seine Stimme höre, werde ich ruhiger und kann besser atmen, die Angst vor dem Ungewissen schwindet. Wir drehen uns um und ich „sehe“ wieder was. Ich bin beruhigter. Zur Not soll ich dem Guide Bescheid geben und innerhalb von 1 Minute wäre wieder „draußen“.

Nun gehen wir alle in den Vorraum und der Mann erklärt uns ganz kurz, was wir beachten sollen. Keine Türen öffnen, alles was leuchtet aus- oder abmachen. Er verteilt die langen weißen Blindenstöcke und bittet mich, meine Brille abzusetzen. Ich protestiere, da ich ohne Brille nichts sehen kann. Er schaut mich grinsend an, alle lachen und ich fühle mich, als wenn ich in das größte Fettnäpfchen der Welt getreten wäre.

Jakob, unser sehbehinderte Guide kommt und wir stellen uns mit Namen vor. Laut und deutlich sollen wir sprechen. Es geht los und schon sind wir mitten in einem Park. Man hört Wasser, riecht Moos, hört Vögel, spürt Kies unter den Füßen, schmeckt feuchte Luft, nur sehen kann man nichts. Nach der ersten Unruhe in der Gruppe kommt „Lockerheit“ herein und wir tasten uns von Situation zu Situation. Gehen über einen Marktplatz, eine Straße und fahren Boot. Jakob ist immer da und führt uns so geschickt durch die „Räume“ als denke man, er kann sehen.

Die Führung dauert 90 Minuten, fühlt sich aber wesentlich kürzer an. In der Dunkelbar, am Ende der Führung trinken wir einen Kakao und stellen Fragen an unseren Guide, die Fragen, die wohl jeder blinder oder sehbehinderte Mensch gestellt bekommt.

Das schlimmste für Jakob ist, zu hören, dass jemand Hilfe braucht und er nicht helfen kann, weil er nicht sieht was passiert ist oder noch passiert.

Wir schlucken – er hat so Recht. Ein abgebrochener Fingernagel, ein Fleck auf der Bluse, die verpasste S-Bahn – alles lächerlich.

Wir gehen wieder weiter und kommen in einen Raum, in dem leichtes Licht scheint. Unsere Pupillen sind groß und schwarz wie die Nacht und wir sind froh, dass wir wieder „sehen“ können. Wie aufgescheuchte Hühner lassen wir die letzten 90 min Revue passieren, quasseln durcheinander und reiben uns die Augen.

Jakob kommt etwas später, er kann nur sehen, dass es hell ist, geht zur U-Bahn und fährt zu seinen Eltern.

Unterm Strich bin ich froh, dass ich diese Erfahrung mitgemacht habe. Eine Erfahrung, die jeder einmal machen sollte. Es ist schwer auf einen unserer sechs Sinne zu verzichten, aber es ist für mich jetzt leichter die Blinden oder Sehbehinderten Menschen zu „sehen“, denn jetzt weiß ich, wie es ist wenn es dunkel um einen herum ist.

Janina Bartels
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7 Kommentare
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Susanne Schruhl aus Geesthacht | 31.07.2011 | 19:52  
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Janina Bartels aus Neuengamme | 31.07.2011 | 20:26  
Wiebke Schwirten aus Kirchwerder | 01.08.2011 | 12:40  
92
Janina Bartels aus Neuengamme | 01.08.2011 | 18:29  
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Peter Lucius aus Lauenburg | 18.11.2011 | 22:34  
20
Michael David aus Neuengamme | 13.02.2012 | 07:46  
92
Janina Bartels aus Neuengamme | 14.02.2012 | 19:32  
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