Mauerbau vor 50 Jahren --- oder --- "Soll ick meine Olle alleene lassen?"

Geboren bin ich 1935 in Berlin.
1943 - Vater war im Krieg - wurden die Bombenangriffe immer stärker, so dass meine ganze Volkschule nach Ostpreußen bis kurz vor Königsberg evakuiert wurde.
Durch das Geschick meines Vaters waren wir 1944 schon in Mitteldeutschland gelandet und brauchten den grausamen Angriff der Russen auf Ostpreußen nicht zu erleben.
1946 siedelten wir auf einem abenteuerlichen Weg nach Friedrichsruh. Dort trafen wir auch unseren Vater wieder und befanden uns auf der "besseren Seite" von Deutschland.

Schul- und Lehrzeit, sowie die ersten Jahre meiner Berufszeit erlebte ich in Reinbek, Wohltorf und Hamburg.

Doch mein Traum war immer: "Zurück nach Berlin". Heimat ist eben Heimat.

Am 1.1.1961 erfüllte sich mein Wunsch.
Ich bekam eine Anstellung in Berlin -- Westberlin -- versteht sich. Außerdem wurde mir noch eine kleine Wohnung angeboten. Doch die konnte ich mir von meinem kleinen Gehalt allein nicht leisten. Also fragte ich meine Freundin in Gülzow, ob sie mich denn heiraten wolle. Sie wollte und kam mit nach Berlin.

"Seid Ihr denn bescheuert!"
Wohlmeinende Freunde, Verwandte und Bekannte warnten uns eindringlich. Das Chruschtschow-Ultimatum hing wie ein Damoklesschwert über die Westsektoren von Berlin. Die Russen wollten das ganze Berlin einkassieren.

Aber Gisela und ich sagten sich: "Bange machen gilt nicht."
Außerdem hatten wir Vertrauen zu den Westmächten, insbesondere zu den US-Amerikanern.
Wir heirateten und zogen nach Berlin. "Es wird schon nichts passieren."
Wir wohnten in Westberlin, genossen die große Stadt und leisteten uns auch viele kulturelle Angebote im Ostteil von Berlin.

Sonntag, der 13.August 1961 bescherte uns ein jähes Erwachen.
Eine Mauer teilte den Sowjetischen Sektor vom Westteil der Stadt.
Lähmendes Entsetzen!
Niemand konnte sich vorstellen,
dass diese Teilung 28 Jahre, 2 Monate und 27 Tage dauern sollte.

Am Montag, d. 14. August 1961 besuchte ich
im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit die Baustelle von Axel Springer.
Im alten Berliner Zeitungsviertel - und das war rechts und linksseits der Sektorengrenze - baute der Verleger seine Berliner Zentrale in Westberlin.

Ich ging bis dicht an die Mauer heran und schaute hinüber.
Vor mir - etwa einen Meter von mir entfernt - stand auf Ostberliner Seite ein Maurer und erhöhte die Mauer mit Steinen und Mörtel. Er muss so um die 40 Jahre alt gewesen sein.
Wir schauten uns an.
"Spring rüber", sagte ich "es schaut kein Vopo zu uns herüber."
(Vopo = Bezeichnung für Volkspolizist)
"Hinter der Baubude hast Du Schutz. Komm!"

"Soll ick meine Olle alleene lassen?"
Zwei Maureraugen blickten mich traurig an.
"Allet Jute für Euch beede."
Mit diesen Worten wandte ich mich von der Mauer ab.

Längst ist die Mauer gefallen.
Längst ist Berlin wieder vereinigt und "eine Stadt".
Längst können wir wieder von "einem" Deutschland sprechen.
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Doch auch heute noch, wenn ich die Berliner Zimmerstrasse entlang gehe und am Axel-Springer-Haus vorbei komme, habe ich Tränen in den Augen,
denn ich schaue in das Gesicht des traurigen Maurers.
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