Der Pendler, Teil 4

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Selbstporträt auf dem Bergedorfer Friedhof. Mit Weitwinkel. Normalerweise sehe ich schöner aus.
 
Am nächsten Morgen: die Blase am linken Fuß.
Nach 5 Jahren Pause schloss Wochenblatt-Redakteur Matthias Reitenbach seine Serie als Pendler mit einem Gewaltfußmarsch ab.

„Warum hast du das denn gemacht?“, fragte mich mein Bruder entgeistert, als wir am nächsten Tag telefonierten. Warum? Was soll das? Bist du bescheuert? Diese Fragen wurden mir auch von anderen gestellt. Und als meine Frau während ihrer Arbeit einer 92-jährigen Pflegebedürftigen von meinem Vorhaben erzählte, entgegnete sie nur lachend: „Aber sonst hat er keine Macke, oder?“
Ist es wirklich ein so abwegiger Gedanke, zu Fuß zur Arbeit zu gehen? Normalerweise steige ich morgens bequem ins Auto. Über die Dörfer benötige ich für die 35 Kilometer von Roseburg nach Bergedorf in die Redaktion mehr oder weniger 40 Minuten, mit meinem relativ gut laufenden Rad rund 80 Minuten, mit Bus und Bahn aufgrund der Wartezeiten knapp zwei Stunden. Und zu Fuß? Ich surfe im Internet. Maximal 6 Stundenkilometer sind drin. Die Strecke, für die ich mich entscheide, ist rund 33 Kilometer lang. Also etwa 6 Stunden. Zurück nochmal 6 Stunden. Macht 12 Stunden.
Der Mittwoch vor Himmelfahrt ist ideal. Trocken und sonnig, aber nicht zu heiß. Und am nächsten Tag habe ich frei, um mich zu erholen.
Ich kann nicht so recht schlafen, bin aufgeregt. Um 3.20 Uhr stehe ich auf, ziehe leichte Funktionsklamotten an, trinke Kaffee, packe meine Sachen: Drei Bananen, ein Käsebrot, ein Liter Mineralwasser, Geld, Handy, Kamera, Klamotten zum Wechseln, damit ich meine Kollegen nicht vollstinke. Ich entscheide mich dummerweise statt meiner Wanderschuhe für meine leichten Laufschuhe.
Punkt 3.56 Uhr ziehe ich die Haustür hinter mir zu. Es ist bereits hell genug.
Vogelgezwitscher, kein Wildschwein in Sicht. Ich fühle mich gut, jeder Schritt bringt mich näher nach Bergedorf.
4.14 Uhr: Ich komme in Wotersen an meiner Lieblingskneipe vorbei. Soll ich den Wirt rausklingeln und ihn bitten, ausnahmsweise bereits jetzt mit dem Frühschoppen zu beginnen.
Nein, du hast ein Ziel. Kein Getrödel. Ich marschiere an den Mais-Feldern vorbei, mit denen in einigen Wochen die Biogas-Anlage gefüttert wird.
4.53 Uhr: Kurz hinter Groß Pampau das erste Auto, das an mir vorbeifährt. Offensichtlich ein Pendler auf dem Weg zur Arbeit.
4.56 Uhr: Die erste Stunde ist geschafft. Der rechte Schuh drückt. Ich hoffe, dass ich mir keine Blase laufe.
5.15 Uhr: Ich gehe am Sportplatz von Sahms vorbei. Mein Schuh drückt immer noch. Ich ziehe ihn aus und kontrolliere die Socke und die Innenseite. Kein Steinchen zu finden.
In Schwarzenbek gehe ich die Möllner Straße hinunter. Der Berufsverkehr zieht an mir vorbei.
An der Tankstelle sage ich leise: „Heute ohne mich.“ Hoffentlich.
Eine Schlange beim Bäcker. Berufstätige schleppen „Coffees to go“ heraus, um in ihren Autos auf dem Weg zur Arbeit wach zu werden.
Ich leiste mir einen Umweg von etwa einem Kilometer, gehe die Kollower Straße hoch und biege dann rechts in den Wald ein, um südlich der Bundesstraße nach Brunstorf zu gelangen.
Von dort bis nach Kröppelshagen gehe ich an der Bundesstraße entlang. Die Autos rauschen an mir vorbei.
8 Uhr: Meine Frau ruft an. Sie sagt, dass sie stolz auf mich sei und habe all ihren Patienten von meinem Vorhaben erzählt. Alle fiebern mit. Willy, der alte Landwirt, fragt sich: Was ist, wenn er es nicht schafft? Eine berechtigte Frage. Am nächsten Tag empfiehlt er meiner Frau, mich mit Rotwein und rohen Eiern aufzupäppeln.
8.07 Uhr: Ich verlasse in Kröppelshagen die Bundesstraße, gehe etwas südlich auf dem Frachtweg entlang, und biege dann in den Buchenberg ein, der am Naturschutzgebiet Dahlbekschlucht vorbeiführt. Vielleicht der schönste Abschnitt meines Gehens, aber so richtig genießen kann ich den Anblick nicht. Dafür tun mir die Füße zu sehr weh. In meinem Schuhen entwickelt sich etwas Unangenehmes.
Bis auf einen einzigen Schüler, der zur Bushaltestelle geht, kommt mir in diesen ersten Stunden niemand entgegen. Ausnahme: Etwas 6 Hundebesitzer. Aber das ist eine andere Kategorie
8.56 Uhr: Nach fünf Stunden habe ich den Friedhof Bergedorf auf der Börnsener Seite erreicht.
9.38 Uhr: Ich verlasse Kaffee Timm in der Bergedorfer Fußgängerzone mit dem frisch gemahlenen „Mild“.
9.52 Uhr: Ich stehe vor der Verlagstür. Eine Viertelstunde später (die Fenster um mich herum in Kippstellung) ziehe ich die Schuhe aus und stelle fest, dass ich zwei Blasen an der Ferse habe, die am linken Fuß mit einer Länge von vielleicht sechs Zentimetern bedrohlich groß. Die Oberschenkel und Waden fühlen sich dagegen gut an.

Der Tag vergeht mit Arbeit, die mir ein wenig schwerer fällt als sonst. Ich mache früher Feierabend und zwänge mich in die Turnschuhe. Punkt 17 Uhr verlasse ich das Haus. Die Blasen drücken. Ich gehe unrund und zu langsam. Ich rechne: Bei diesem Tempo benötige ich mindestens acht Stunden nach Hause. Unmöglich. Da ich noch nicht aufgeben will, ziehe ich meinen Rucksack fester und fange so an zu laufen, dass ich mehr den Vorderfuß belaste.
18.02 Uhr: Ich erreiche Kröppelshagen. Noch komme ich durch das Laufen gut voran. Ich rechne mir in der ersten Euphorie aus, vielleicht in dreieinhalb Stunden zu Hause zu sein.
Eine Stunde später nähere ich mich Schwarzenbek. Mit geht langsam die Puste aus. Ich verzichte auf den Umweg durch die Felder und den Wald und bleibe an der Bundesstraße. Ich laufe wie eine lahme Ente an Autos vorbei, die sich etwa einen Kilometer weit vor dem Ortschild gestaut haben.
In Schwarzenbek bin ich vollkommen erledigt. Im ersten Reflex greife ich zum Handy und rufe meine Frau an, dass sie mich abholen soll. Sie lacht: „Was, du willst aufgeben!“ Sie hat recht. Was wäre das für eine Geschichte: Von seiner Frau abgeholt, weil er nicht mehr konnte.
19.57 Uhr: Meine Laufstrecken werden immer kürzer. Ich bin hinter Schwarzenbek. Zwei Drittel habe ich zurückgelegt. Ich denke nur noch in ganz kleinen „Baby Steps“.
20.45 Uhr Ich bin auf dem Weg nach Wotersen. Den Versuch zu laufen, habe ich aufgegeben. Ich spüre einen höllischen Muskelkater in den Oberschenkeln. Ich rufe meine Frau an, dass ich doch länger benötige.
21.20 Uhr: Ich gehe, oder besser ich schleiche, an meiner Gaststätte vorbei. Draußen ist alles für den Vatertag aufgebaut. Anke, die Wirtin, zapft draußen Bier, grüßt mich strahlend. Ich grüße zurück, etwas lahm vielleicht und schleiche weiter. Wenn ich mich jetzt zu den anderen dazusetze, komme ich nicht mehr hoch und schaffe die letzten eineinhalb Kilometer niemals.
21.40 Uhr: Geschafft. Fazit: Nie wieder. Ich bin stehend K.O. Das Essen, das meine Frau vorbereitet hat, lasse ich stehen. Ich habe nur Durst. Ich will nur aufs Sofa. Von dort ins Bett. Morgens war ich noch euphorisch, nun denke ich: Wie kann man die Vernunft nur so aushebeln.
Am nächsten Morgen komme ich kaum die Treppe runter. Auf der Terrasse befühle ich meine riesigen Blasen. Ob es mit den Wanderschuhen besser gegangen wäre? Ich werde es wohl nie erfahren, denn eine Wiederholung dieser Tortur wäre vollkommen sinnlos. Ich lebe in einem Zeitalter, in dem man nicht mehr weite Strecken zu Fuß geht. Die Arbeitswelt verbietet so etwas. Gehen ist ab einer gewissen Strecke unökonomisch. Deshalb sind mir auch so wenige Fußgänger begegnet.
Gehen als Teil der Arbeitswelt muss man streng vom Wandern trennen. Ein Wanderer ist jemand, der in seiner Freizeit durch unbekannte Natur schreitet. Ich bin ein großer Wanderer und ich liebe die Alpen. Zweimal habe ich die Zugspitze durchs Höllental erklommen. Aber das ist eben Urlaub.
Mein Vater musste nach dem Krieg als kleiner Schüler jeden Morgen rund drei Kilometer zur Schule gehen. Mittags zurück. Vor einem halben Jahrhundert war es normal, dass man selbst weitere Strecken zu Fuß ging. Heute nicht mehr.
Heute wird das Gehen in den Freizeit- und Sportbereich verlegt. Angefangen mit dem Einkaufsbummel bis hin zum Walking. Selbst die Hundebesitzer, die mit ihren Tieren an den Knicks entlangschlendern, sind keine Geher, sondern Freizeitakteure. Hunde sind Freizeit. Sind sie nicht mehr da, hat der Ex-Hundebesitzer keinen Grund mehr zu gehen.
In der heutigen Mobilitätsgesellschaft wird das Gehen nur praktiziert, wenn es vorteilig ist, zum Beispiel bei ungünstigen Bus- und Bahnverbindungen.
Ich selbst bin natürlich nicht so rational vorgegangen. Ich wollte meine Grenzen testen. Ich wollte spüren, wie weit mich meine Füße tragen.

Wer noch nicht genug hat: Hier nun die drei alten Folgen, die im Sommer 2006 in der Bergedorfer Zeitung/Lauenburgischen Landeszeitung erschienen sind.

Das Auto ist sein zweites Zuhause, Teil 1

Ich bin ein Pendler. Einer von Zehntausenden, die Tag für Tag morgens in den Speckgürtel Hamburgs hineinstoßen und abends Stoßstange an Stoßstage die Stadt wieder verlassen.
Mein Häuschen liegt im Grünen, fernab jeder städtischen Zivilisation, da dort der Traum vom Eigenheim erschwinglich war und wohl immer noch ist.
Da „Leben“ und „Arbeiten“ so weit voneinander entfernt sind, komme ich locker auf mehr als 20 000 Kilometer im Jahr. Eine Tour von meinem Wohnort Roseburg (viele kennen Schloss Wotersen, das liegt daneben) bis zur Redaktion am Curslacker Neuen Deich in Bergedorf sind 35 Kilometer. Täglich 70 Kilometer. Bei einem Benzinpreis von aktuell 1,25 Euro (ich tanke Super) und einem Durchschnittsverbrauch (ich fahre einen sparsamen Skoda Fabia mit drei Zylindern) von sechs Litern auf 100 Kilometern macht das 5,25 Euro an reinen Spritkosten. In den Wintermonaten, wenn ich mit Heizung und Licht fahre, verbraucht meine Kiste etwa einen halben Liter mehr. Was außerdem noch an Kosten auf mich zukommt (Versicherung, Steuern, Wertverlust, Werkstattbesuche usw.) muss ich wohl niemandem erklären. Autos sind Geldvernichtungsmaschinen. Einen viel zu großen Teil meines Verdienstes stecke ich in mein Vehikel. Und mit dem Kalenderjahr 2007 steht eine weitere Kürzung der Pendlerpauschale an.
Aber wer sich mithilfe dieser „Zersiedelungsprämie“ entschieden hat, auf dem Lande fernab des Molochs Großstadt zu leben, hat ein Auto so nötig wie ein Cowboy das Pferd. Es ist einfach ein Teil meiner Lebensführung. Im Grünen wohnen, aber schnell in der Stadt sein zu können, ist ein Luxus, der ohne Auto nicht zu verwirklichen ist. Und ich befinde mich dabei in guter Gesellschaft. Laut Mikrozensus 2004 nehmen 67 Prozent der deutschen Berufspendler ihren Wagen, um zur Arbeitsstätte zu kommen. 18 Prozent gehen immerhin zu Fuß oder nutzen das Fahrrad und 13 Prozent steigen in öffentliche Verkehrsmittel wie Bus und Bahn. Liegen zwischen Wohnung und Arbeit mehr als zehn Kilometer, steigen bereits mehr als 80 Prozent der Berufstätigen in ihr Auto.
Zum Glück falle ich nicht in die Kategorie der Fernpendler, die einen Arbeitsweg von mehr als 50 Kilometern zurücklegen. Davon soll es rund 1,5 Millionen in Deutschland geben. Norbert Schneider, Professor für Soziologie an der Uni Mainz, hat im Auftrag des Bundesfamilienministeriums die Belastungen für Pendler mit längeren Fahrstrecken untersucht: „Fernpendler leiden häufig unter Schlafstörungen, Nacken- und Gliederschmerzen, Erschöpfungszuständen und Depressionen. Außerdem scheinen sie häufiger unter Bluthochdruck zu leiden.“ Die Erkenntnisse lassen sich auf einen einfach Nenner bringen: Je länger die täglich zurückgelegte Wegstrecke, desto geringer ist die Lebenszufriedenheit. In meinem Dorf und den Nachbarorten müsste es also wimmeln vor mehr oder weniger unglücklichen Pendlern.
Ein Nachbar von mir fährt täglich 85 Kilometer zur Arbeit mein älterer Bruder immerhin 50 Kilometer. Beide sind demnach unzufriedener als ich. Ich muss ihnen wohl mal sagen, dass ich jetzt den Grund kenne.
Eine weitere Gefahr, die auf den Pendler lauert, ist die Gewichtszunahme. Forscher der Universität von British-Columbia in Vancouver erhoben eine Studie mit 10 500 Bewohnern im Großraum Atlanta. Demnach steigt das Risiko der Fettleibigkeit pro halbe Stunde Fahrtzeit um drei Prozent. Männliche Vorortbewohner brachten im Schnitt 4,5 Kilogramm mehr auf die Waage als vergleichbare Einwohner der Stadt. Pendler zu sein ist ein hartes Unterfangen. Ich setze mich nicht nur der Gefahr von chronischen Stresssymptomen oder der Fettleibigkeit aus, ich leide nicht nur unter meinem schlechten Gewissen, das Treibhausklima mit meinem Benzinverbrauch anzuheizen, ich verbringe auch viel Zeit im Auto. 35 bis 40 Minuten dauert eine Fahrt über Bundes- und Landstraßen, bei Staus, Baustellen, Umleitungen, Eis und Schnee auch schon mal deutlich länger. Im letzten Winter benötigte ich für eine Tour gar 90 Minuten. Darum benutze ich gelegentlich „Schleich“- und Umwege, um die Staus zu umgehen, aber es gibt merkwürdigerweise einfach zu viele, die diese Wege kennen. Selbst die gewieftesten Autofahrer müssen also ihre Zeit absitzen. Womit beschäftige ich mich? Zunächst einmal mit dem Fahren. Das sollte die Hauptbeschäftigung sein. Aber nach einigen Jahren kennt man die Strecke in- und auswendig. Man kennt Kurven, Bodenwellen und weiß genau, wo die Radaranlagen stehen.
Wenn ich morgens ins Auto steige, ist es beinahe, als würde die Aufwachphase noch anhalten, als hätte mein Körper die Nachtruhe noch nicht abgestreift. Das liegt auch daran, dass ich die Handgriffe im Auto wie im Schlaf beherrsche. Pendeln ist Routine und Monotonie.
Es ist die ewige Wiederkehr des Gleichen. Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, so kann ich nicht sagen, dass meine Pendler- Persönlichkeit während dieser tausenden von Kilometern gereift ist. Das liegt vielleicht an der Kontakt- und Erlebnis-Armut. Pendler bleiben einsam. Ich habe währenddessen niemanden kennengelernt, niemanden in mein Herz geschlossen, ich kenne keinen Tankwart mit Namen. Obwohl man umgeben ist von Autos mit anderen Insassen, bleibt man als Pendler ein gesellschaftlicher Außenseiter, gefangen in seinem Käfig. Deshalb greifen wohl auch viele trotz Verbots zum Handy.
Pendeln ist eine Zeit der geistigen Stagnation. Ich kenne niemanden, der über seine Fahrtzeit Sätze wie „Heute war es wieder mal schön!“ spricht. Entweder erträgt man diese langweilige und sinnlose Zeitverschwendung oder man setzt alles daran, die Fahrtzeit effektiv zu nutzen. Die Leute machen alles Mögliche, um ihrer Pendelei einen Zweck abzugewinnen: Frühstücken, Kaffee trinken, rasieren, popeln, singen, Vokabeln lernen. Ich wiederum bin froh, dass der Markt für Hörbücher ein immer größeres Angebot bereithält.
Gerade habe ich die Abenteuer von Don Quijote de la Mancha gehört, dann eine Geschichte von Mark Twain, jetzt einen Roman von Joseph Conrad. Da Hörbücher teuer sind, leihe ich sie meist aus der Bücherei aus. So habe ich Autoren entdeckt, die ich vielleicht nie kennengelernt hätte. Radio höre ich eher selten, und wenn, dann NDR Info. Ich habe zwar 15 weitere Sender gespeichert, aber meiner Meinung nach ist das Leben zu kurz, um sich die ganze Zeit von Privatsendern berieseln zu lassen.
Wie lässt sich Pendeln definieren? Es ist keine Arbeit und keine Freizeit. Es ist einer jener Tagesabschnitte, die gewissermaßen automatisch ablaufen, ein Stück weit Apathie, ein Großteil Einöde in Bewegung. Pendeln ist die Kunst, sich stetig kurz vor dem Überdruss zu befinden. Vielleicht ist es die beste Schule, um uns selbst zum Gleichmut zu erziehen. Müssen wir uns darum nicht die Pendler als glückliche Menschen vorstellen?

Täglich durchgeschwitzt zur Arbeit, Teil 2

Das vielleicht Wichtigste zuerst: Ich bin ohne Doping ausgekommen, niemand wird von mir Blutkonserven bei einem spanischen Arzt finden. Dafür war die Aufgabe auch nicht gewaltig genug. Ich tauschte bloß einige Tage Auto gegen Fahrrad, um zur Arbeit zu pendeln.
Warum dies? In der vergangenen Sonnabend-Ausgabe berichtete ich darüber, dass das Pendeln per Auto mehrere gravierende Nachteile hat: Zum Ersten die Umweltverschmutzung, zum Zweiten die Kosten für Sprit und den Unterhalt des Fahrzeuges. Und zu guter Letzt soll sich Pendeln negativ auf das Gemüt auswirken. Stresssymptome und Schlaffheiten können sich einstellen, selbst die Gefahr der Gewichtszunahme ist gegeben, so einige medizinische Studien.
Der preiswerte Drahtesel dagegen ist ein wahrer Jungbrunnen. Die positiven Effekte auf die Gesundheit sind so vielfältig, dass ich hier nur einen kurzen Abriss wage: Rad fahren kräftigt die Atemmuskulatur, verbessert die Ventilation der Lunge – und schützt sogar vor Infekten. Leichtes Radfahren verbraucht rund vier bis fünf Kalorien pro Minute – doch die eigentliche Wirkung zeigt sich vor allem im Langzeit-Effekt. „Durch Radfahren“, glauben die Experten der Deutschen Sporthochschule Köln, „wird der Organismus trainiert, auf seine nahezu unerschöpflichen Fettreserven zurückzugreifen“. Schon relativ kurze Belastungszeiten (ab zehn Minuten) nützen den Gelenken. Und die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass von 100 000 Bypass- Operationen rund 95 000 nicht nötig wären, „wenn sich das Radfahren wieder selbstverständlicher in den Alltag einbringen ließe“.
Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) zitiert auf seiner Internetseite eine Studie dänischer Mediziner. Danach haben Menschen, die drei Stunden pro Woche Rad fahren, eine um 40 Prozent niedrigere Sterberate als diejenigen, die sich nicht oder nur in ihrer Freizeit aktiv bewegen.
So viel Gesundheit lässt sich natürlich auch in Geld aufwiegen. Eine mehrjährige Modellstudie in drei norwegischen Städten ergab, dass 30 Minuten Rad fahren pro Tag bei bis dahin inaktiven Personen eine jährliche Ersparnis von 3 000 bis 4 000 Euro an gesellschaftlichen Kosten (Krankenpflege etc.) bringt. Für schon aktive Personen liegt dieser Wert bei 500 bis 1 500 Euro pro Jahr. Und eine finnische Studie kommt zu positiven Gesundheitseffekten von Fußgängerund Radverkehrsinvestitionen von 1 200 Euro je aktivierte Person. Da fragt man sich glatt, warum die Krankenkassen ihren Mitgliedern nicht die Fahrräder sponsern. Das ist noch nicht alles. Wer häufig Ausdauersport treibt, ist resistenter gegen Stress und hat eine höhere psychische Stabilität. Hinzu kommt, dass nach 30 bis 40 Minuten Rad fahren die Glückshormone Endorphin und Adrenalin ausgeschüttet werden. Nach all diesen Erkenntnissen möchte man sagen: Radler, wollt ihr denn ewig leben?
Als Altherrenfußballer (ein Spiel dauert 70 Minuten) und regelmäßiger Jogger brachte ich für die Fahrten eine gewisse Grundfitness mit. Ausgeruht und bei trockenem Wetter benötigte ich für die 34 Kilometer zwischen meinem Wohnsitz und der Redaktion an zwei Tagen (dazwischen ein Ruhetag) zwischen 72 und 76 Minuten. Das ist etwa halb so schnell wie mit dem Auto, mit dem ich ständig bei irgendwelchen Ampeln und Baustellen hängen bleibe. Ich habe mir vor einigen Wochen im Sommerschlussverkauf ein neues Fahrrad zugelegt, keine Rennmaschine, aber ein schnelles Crossbike mit relativ schmalen profillosen Reifen und einer hochwertigen Schaltung mit 27 Gängen. Damit bin ich schätzungsweise zehn Prozent schneller als früher.
Dass der Materialeinsatz nicht alles ist, zeigte sich am nächsten Tag (kein Ruhetag dazwischen). Unter größerer Anstrengung habe ich 82 und 86 Minuten, also jeweils 10 Minuten länger benötigt. Das heißt, ohne Ruhetag würde ich wahrscheinlich immer langsamer werden, da mir die Anstrengungen der vorherigen Tage in den Knochen stecken. Selbst wenn meine Kondition sich mit den Wochen steigern sollte, muss nach meiner Einschätzung einfach ein Ruhetag zwischen den „Radtagen“ liegen. Und darum bin ich am folgenden Morgen wieder mit dem Auto gefahren. Ah, herrlich! Ich drehte die Heizung ein wenig hoch, um die Behaglichkeit zu erhalten, und freute mich darüber, ohne Kalorienverbrauch über die Landstraße zu gleiten. Mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, ist doch gar nicht so schlecht, wie ich letzte Woche behauptete.
Zwei Dinge sind mir negativ aufgefallen am Radfahren: Am vergangenen Freitagnachmittag hatte ich heftigen Gegenwind so um Windstärke 5, gefühlte Windstärke 10. Besonders entlang der großen Felder zwischen Dassendorf und Schwarzenbek wurde ich von Böen erfasst, die mich fast zum Stillstand zwangen. Bietet mein Körper denn so viel Angriffsfläche? Ich kämpfte mich also Meter für Meter voran, musste selbst bergab noch treten. Es war meine „Tour der Leiden“. Nach 97 Minuten kam ich erschöpft zu Hause an. Die Glückshormone hatten mich diesmal im Stich gelassen.
Zudem leben Radfahrer gefährlicher als Autofahrer. Besonders wenn ich in die Stadt komme, nach Schwarzenbek und Bergedorf, bin ich hochkonzentriert, da an jeder Ausfahrt und Seitenstraße die Gefahr unaufmerksamer Autofahrer lauert. Die wichtigste Regel: Verlass dich nicht auf deine Vorfahrt, sondern warte, bis der Autofahrer dich registriert hat. Wie komme ich in der Redaktion an? Gut gelaunt – und verschwitzt. In meinem Rucksack befindet sich ein Handtuch, damit ich mir nach einer Abkühlphase Gesicht und Haare waschen kann. Leider an einem winzigen Waschbecken. In meiner Schreibtischschublade befindet sich noch ein Deodorant, das ich großflächig auftrage, eine lange Hose und ein T-Shirt. Radfahrer müssen genügend Reserveklamotten im Büro haben.
Die Radlerhose sowie das Unterhemd hänge ich zum Trocknen über meinen großen Papierkorb. (Was haben eigentlich meine Kolleginnen gedacht, als sie das sahen? Haben sie mich an diesen Tagen gemieden?) Auf jeden Fall weiß ich jetzt, wie wichtig sogenannte Funktionswäsche ist, die die Feuchtigkeit nicht aufnimmt, sondern nach außen transportiert. Auch eine wasser- und winddichte Jacke mit „dampfdurchlässiger Membrane“ ist auf Dauer unabdingbar. Die habe ich noch nicht, weil solche Kleidung sehr teuer ist.
Da mir die saubere Funktionsunterwäsche ausging, bin ich am letzten Tag mit einem Baumwoll-Unterhemd gefahren. Darüber trug ich eine preiswerte Fahrrad-Jacke eines bekannten Kaffeerösters, die meinen Oberkörper wie in einem Plastiksack gefangen hielt. Kein Schweißmolekül drang nach draußen. Als ich mein Ziel erreichte, wog das Baumwollunterhemd wohl fünf Kilogramm. Ein wahrer Schweißschwamm. Trocknen zwecklos. Höchstens direkt unter der Klimaanlage, aber das hätte wohl den Zorn der Kollegen hervorgerufen. So wurde es in einer Plastiktüte versteckt und am nächsten Tag per Auto heimgebracht.
Fazit eines Pendlers, der nach Alternativen zum Auto sucht: Die Entfernung von meinem Haus zur Arbeit ist zu groß, als dass man ganz auf das Auto verzichten könnte. 15 Kilometer, vielleicht auch 20 ist die maximale Distanz, bei der ich tägliches Radeln für umsetzbar halte. Damit der Spaß für mich erhalten bleibt, werde ich höchstens zweimal die Woche mein Bike benutzen und das auch eher nur in den warmen Monaten von Mai bis September. Und wer weiß? Vielleicht kann ich im nächsten Jahr einige Kollegen für die Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ der AOK und des ADFC begeistern. Holland, wir kommen!

Der Pendler unterwegs mit Bus und Bahn, Teil 3

Meine Schulzeit erinnert mich an Autoritätspersonen, die mich nie verstanden, an hässliche Gebäude, beschädigte Toiletten, an Lärm, Müdigkeit, Unvernunft – und an einen kleinen Bus, mit dem wir viel zu früh am Morgen leicht zusammengepfercht zur Schule gekarrt wurden. Bereits als Sechsjähriger war ich Pendler wider Willen. Der tägliche Kampf um die besten Sitzplätze und dieWarterei an der Bushaltestelle prägten meine Kindheit und Jugend. Nach dieser Zeit des Ausgeliefertseins und der Abhängigkeit folgte für mich als 18-jähriger Führerscheinneuling die eine logische Konsequenz: Mit dem eigenen Auto der Schülermasse zu entkommen, sich hinter dem eigenen Lenkrad vom öffentlichen Nahverkehr zu befreien.
Mittlerweile bin ich mehr als doppelt so alt und habe mit diversen Autos mehrmals die Erde umrundet. Wird es nicht Zeit, diesen Ego-Trip zu beenden, das Auto stehenzulassen und wieder an die Anfänge meiner Mobilität anzuknüpfen? Ja! Ich versuche das erste Mal, per Bus und Bahn in die Redaktion nach Bergedorf zu gelangen. Das Pendeln mit dem Auto ist keine befriedigende Lösung, wie ich in den beiden letzten Sonnabend-Ausgaben geschildert habe. Vielleicht sind die öffentlichen Verkehrsmittel eine Alternative.
Acht Minuten benötige ich von meiner Haustür in Roseburg beiWotersen bis zur nächsten Bushaltestelle. Michi, der Nachbarsjunge, steht schon da und strahlt, als er mich sieht. Er fragt mich aus, schließlich ist es ein seltenes Ereignis, wenn ein Erwachsener morgens in den Bus steigt. Dann öffnet er die Hand und bietet mir kleine Samen an. Die seien vom Springkraut, und wenn die schwarz seien, könne man sie essen. Das hätte ihm mein Sohn erzählt. Ich lehne dankend ab. (Am Abend schaue ich über den Zaun. Michi hat die Mahlzeit gut überstanden.)
Die Busfahrerin ist eine alte Bekannte. Sie begrüßt mich herzlich und wundert sich zugleich. „Ich will mal mit Bus und Bahn zur Arbeit“, erkläre ich und zahle brav. Es gibt noch genügend freie Plätze. Nicht so wie im Bus kurz vor 7 Uhr, mit dem mein Sohn fährt; der ist überfüllt mit Kindern. An Erwachsenen zähle ich nur eine Rentnerin und einen jungen Mann so um die 30 Jahre. Ansonsten Schüler. Auf der hintersten Bank sitzen einige, die vielleicht in die neunte oder zehnte Klasse gehen. Einer von ihnen fängt lautstark an zu schimpfen, dass er seine Klassenarbeit immer noch nicht zurückbekommen habe: „Die blöden Lehrer, die arbeiten halbtags, kriegen viel Geld und dann jammern sie, dass sie so viel arbeiten müssen.“ Es hat sich doch nicht viel verändert.
Auf dem Bahnhof in Büchen habe ich noch ein Viertelstündchen Aufenthalt, bis der Zug nach Bergedorf rollt. Ich muss feststellen, dass ich schon lange keine Eisenbahn mehr von innen gesehen habe. Es gibt zwei Etagen, Sitzplätze sind um diese Zeit genug vorhanden. Ein TFT-Bildschirm sorgt für Informationen. Ein Schaffner (sagt man das heute noch?) kontrolliert die Fahrkarten, zehn Meter hinter ihm schleicht ein blau Uniformierter mit der Aufschrift „DB Sicherheit“. Ja, hier fühle ich mich doch gut aufgehoben.
Später setzt sich ein älterer Schüler neben mich und holt ein englischsprachiges Buch heraus. Auch ich habe mir ein Buch über die Verlierer der Globalisierung eingepackt. Aber ich schaue mir lieber die Typen um mich herum an. Dann bin ich in Bergedorf und ströme mit der Masse ins Freie.
Der Arbeitstag vergeht, und abends bin ich etwas spät dran. Im Stechschritt marschiere ich zum Bahnhof. Da ich nur noch zwei Minuten bis zur Abfahrt und noch keine Fahrkarte gekauft habe, spreche ich eine junge Frau an, die neben dem Automaten steht. Sie erklärt mir, welcher Automat Banknoten annimmt und welche Knöpfe ich drücken muss. Der Automat spuckt die Fahrkarte und einen Euro Wechselgeld aus. Die junge Frau fragt: „Haben Sie mal einen Euro? Ich muss mir noch eine Tageskarte kaufen.“ Darum stand sie also dort! Egal, sie ist nett und hilfsbereit. Ich gebe ihr die Münze und renne die Treppe hoch. Der Zug hält. Er ist überfüllt. Ich muss stehen, wie vielleicht 20 Leute um mich herum. Es ist stickig – wie in einem alten Kuhstall. So angenehm wie am Morgen ist die Rückfahrt nicht. In Büchen darf ich dann eine knappe halbe Stunde auf den Bus warten. Ich mache es mir auf der Bank in der Haltestelle gemütlich und lese. Dann kommt endlich ein Kleinbus angerollt, mit einer jungen Frau als Fahrerin. Als wir Büchen hinter uns lassen, sind wir noch drei Passagiere: ein Junge, eine ältere Frau und ich. Pendler, die den Bus nutzen, müssen sich einsam fühlen hier auf dem Lande. Mir fällt der Begriff Mischkalkulation ein. So ein Kleinbus und das Personal kosten sicher mehr als wir drei einbringen. Dafür sind die Busse morgens und mittags mit Schülern überfüllt.
Okay, ich muss zugeben, ich habe die Pendelei per Bus und Bahn nur einen Tag durchgezogen. Dann bin ich wieder mit dem Auto gefahren. Es dauerte mir einfach zu lange. Selbst mit dem Fahrrad wäre ich schneller gewesen. Von meiner Haustür zur Bushaltestelle benötige ich etwa acht Minuten. Der Bus fährt morgens beinahe alle Haltestellen an, da die zahlreichen Schüler eingesammelt werden müssen: 24 Minuten. Am Büchener Bahnhof angekommen, muss ich 15 Minuten warten. Der Zug benötigt dann nach Bergedorf 20 Minuten. Von dort gehe ich zur Redaktion etwa 12 Minuten. Macht zusammen rund 80 Minuten. Auch die Rückfahrt dauert etwa doppelt so lange wie mit dem Auto.
Die Kosten dagegen sind wohl niedriger. Da mein Dorf im HVV-Gesamtbereich liegt, zahle ich für eine Einzelkarte 4 Euro, eine Wochenkarte würde 30,70 Euro kosten, eine Monatskarte 118 Euro. Ein Online- Rechner des HVV kommt zu dem Ergebnis, dass ich rund 850 Euro im Jahr spare, wenn ich auf meinen Pkw verzichte.
Werde ich aber nicht. Ich fahre weiterhin mit dem Auto zur Arbeit. Die Frage ist nur, wie hoch der Preis ist, den die künftigen Generationen dafür bezahlen müssen, dass 50 Millionen Deutsche Mobilität mit Autofahren gleichsetzen.
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4 Kommentare
Wolfgang Rath aus Bergedorf | 15.06.2011 | 22:49  
Kim Nadine Meyer aus Geesthacht | 16.06.2011 | 17:40  
Wiebke Schwirten aus Kirchwerder | 19.06.2011 | 00:22  
27
Ulf Kowitz aus Bergedorf | 22.06.2011 | 00:00  
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