So seh ich das, Juni 2012: Wir maßregeln uns die Lebenslust aus

Vor einigen Tagen radelte ich die Ostseeküste entlang. Bei einer Kaffeepause beobachtete ich das Strandleben und erinnerte mich an meine Kindheit. Damals schaufelten wir wie die Verrückten einen in Kinderaugen riesigen Schutzwall um den Strandkorb meiner Eltern herum, wir suchten Muscheln, buddelten allerlei Löcher und nahmen Quallen gefangen. So ein Verhalten würde heute Anstoß erregen, wahrscheinlich sogar vom Strandkorbvermieter prompt mit Verweis auf das Empörungspotenzial der anderen Gäste unterbunden werden.
Ich musste auch an die Ü30-Partys in Reinbek denken, die von der Stadtverwaltung überraschend verboten wurden. Mit einer entlarvenden Begründung. Ein Stadtverantwortlicher sah seine „moralische Verpflichtung“ gegenüber der Bergedorfer Zeitung darin, das ältere Theaterpublikum vor der Kontamination mit Ü30-Party-Resten zu schützen. „Viele unserer älteren Damen gehen ungern in ein Theater, in dem am Vorabend Partys gefeiert werden.“ Gesitteten, „sensiblen“ Bürgern könne es nicht zugemutet werden, mit dem Anstoß erregenden Verhalten der Partygänger in Kontakt zu kommen.
Ich stelle fest: In meiner Jugend, und die ist weltgeschichtlich gesehen noch nicht so lange her, wurde viel mehr gefeiert – und im Sand gebuddelt. Ob Dorffeste, Scheunenfeten, Discotheken oder andere Feierorte, alles war gerammelt voll. Heute treibt uns die Sittlichkeitspolizei jegliche Frivolität aus. Legendär war der freitägliche Lohntütenball in der Gaststätte meines Großvaters in den 1960er-Jahren. Das waren Spontan-Partys. Heute undenkbar. Heute würde so ein Vorhaben allein daran scheitern, dass sich die Beteiligten auf keinen Termin einigen können. Viele von uns schlingern so zwischen Langeweile und Burnout durch den Alltag, weil wir es verlernt haben, abzuschalten und zu genießen. Aber so ist wohl der Lauf der Zeit. Es soll gespenstische Ruhe in den Innenstädten herrschen, bevölkert von vernünftigen Kindern, von vernünftigen Jugendlichen und von vernünftigen Erwachsenen, die sich absolut korrekt verhalten, sich gesund ernähren und abends bei der Thomas-Mann-Lektüre ihre Biedermeierlichkeit vollenden wollen.
Die Begründung der Stadt könnte ja schlicht darin liegen, dass gegen polizeiliche Auflagen verstoßen wurde, dass zu viele Betrunkene zu viel Krawall schlagen. Interessant ist aber gerade dieses moralisch untermauerte Abgrenzungsverhalten der „sensiblen“ Theaterliebhaber. Im Klartext heißt das, auf den Ü30-Partys amüsiert sich nur eine unterschichten-verdächtige Klientel.
Lässt sich dieser strenge Blick perspektivisch umdrehen? Was wäre, wenn die Partygänger den millionenteuren Theatertraum Reinbeks beklagen würden, der für einen erheblichen Batzen der städtischen Steuerschulden verantwortlich ist? Wer muss hier ein schlechtes Gewissen haben, wer erhält einen verdächtigen Sozialstatus?
Und wer weiß, vielleicht sind solche Ü30-Partys heutzutage umso ausgelassener und lauter, je mehr der Ekel der Beobachter wächst. Die Partygänger fordern gewissermaßen in ihrem Exzess das reservierte Reinbeker Theaterpublikum heraus. Das steigert ihren Spaß, sie sind sich nicht mehr selbst genug. All diese Reaktionen sind eine bedauerliche Entwicklung, uns selbst das Spielerische auszutreiben. Und auch das Vergnügen an der Literatur. Die Verinnerlichung des Korrektheits-Anständigkeits-Imperativs ist ja genau die Umformung, die der neoliberale Zeitgeist einfordert, um noch mehr aus den Menschen herauszuholen.
Machen wir uns nichts vor. Jeder Literaturexperte wird zugeben müssen, dass das Theater-Genie Shakespeare mit Blick auf das heutige brav-sensible Publikum in Städten wie Reinbek niemals solch fantasievolle Stücke wie „Wie es euch gefällt“ geschrieben hätte.
 auf anderen WebseitenSenden
1 Kommentar
22
Dirk Rohde aus Geesthacht | 21.06.2012 | 05:12  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.