Eigene Vergänglichkeit rückt in den Vordergrund

Der Engel auf dem Alten Friedhof an der Uhlenhorst, der sich mitten in Schwarzebek befindet, wacht über die Toten.
 
Margret Hömer (li) und ihre Tochter Gudrun Nowack schmücken zum Totensonntag das Grab des Ehemannes und Vaters mit Chrysanthemen.
Schwarzenbek (rz). Der Wind weht die braunen Blätter von den Bäumen. Die letzten Blüten der Chrysanthemen und Astern blühen auf den Gräbern, bevor der Frost ihnen die Farben und das Leben nimmt. Kein Monat ist so stark von der Vergänglichkeit erfüllt wie der November. Am Totensonntag, dem Ewigkeitssonntag und letzten Tag des Kirchenjahres, gedenken die evangelischen Christen der Toten. Allerheiligen und Allerseelen sind die Feiertage der Katholiken. Familienmitglieder gehen gemeinsam an die Gräber, legen Blumen nieder und setzen Lichter neben die Grabsteine. Die Hinterbliebenen schmücken die Gräber mit Tannenzweigen, Gestecken, Kerzen und Engeln. Kleine Tafeln mit rührenden Botschaften wie „Ich denke an Dich“ oder „Du lebst weiter“ liegen manchmal dazwischen. Der Schmuck bleibt bis zum Frühjahr liegen, wenn die Sonne mit Schneeglöckchen und Krokussen neues Leben aus der Erde lockt.
Mit einem Strauß strahlend weißer Chrysanthemen sind Margret Hömer und Gudrun Nowack zum Grab des Ehemannes und Vaters auf den Alten Friedhof an der Uhlenhorst gekommen, der mitten im Stadtzentrum Schwarzenbeks liegt. Wenige Meter vom Grab Otto Hömers entfernt breitet der Friedhofsengel seine Schwingen aus und erhebt wie zum Trost seine Hand über die Grabreihen. Die beiden Frauen kommen oft an diesen Platz. Der triste November mit seinen Gedenktagen lässt die Erinnerung an den Verstorbenen besonders deutlich wach werden. „Mein Mann starb mit 76 Jahren nach einer Operation. Zuvor hatte er sich ausführlich von uns verabschiedet als hätte er von seinem Tod geahnt. Aber das wurde uns erst später klar“, sagte Margret Hömer. Das Verweilen am Grab wird von vielen Erinnerungen begleitet. „Er wollte so gern das Millennium erleben. Das war ihm vergönnt. Er wollte auch so gern die Einführung des Euro miterleben. Das hat er leider nicht geschafft. Sehr schade, denn wir haben uns beide in der Europaunion Schwarzenbek engagiert“, bedauert Margret Hömer. Das Urnengrab ist liebevoll gepflegt und zum Totensonntag mit Tannenzweigen geschmückt. Am Grabstein hängt eine Laterne, die am Totensonntag ein Licht tragen soll. Margret Hömer zeigt auf den Platz vor dem Stein. „Dort werde ich liegen“, sagt sie.
Der Totensonntag ist nicht nur ein Tag des Gedenkens an die Verstorbenen, sondern rückt auch die eigene Vergänglichkeit in den Vordergrund. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, heißt es in der Bibel (Psalm 90/12). Der Tod ist ein Tabu, er ist mit Mythen umgeben, der Gedanke an ihn wird vermieden, er beschwert das Leben und holt Ängste hervor. Nicht jeder kann der Wahrheit so ins Auge sehen wie der 2011 an Krebs verstorbene Apple-Gründer und Erfinder Steve Jobs: „Der Tod ist möglicherweise die beste Erfindung des Lebens. Niemand ist ihm jemals entkommen. Er ist der Vertreter des Lebens für die Veränderung. Es räumt das Alte weg, um Platz zu machen für das Neue.“
„In den letzten Jahren sind die Menschen offener geworden, was ihr eigenes Sterben und ihr Begräbnis angeht. Viele kommen in die Friedhofsverwaltung, um sich über ihre mögliche Grabstätte zu informieren. Sie treffen Anordnungen über ihr Begräbnis und die Pflege des Grabes“, weiß Matthias Schmieder, der 20 Jahre lang Friedhofsleiter in Schwarzenbek war und jetzt nach Bad Bevensen ging. In dieser Zeit hat sich der Neue Friedhof an der Möllner Straße erheblich gewandelt. Vor 20 Jahren nur Wahl-, Reihen- und Urnengräber. In den letzten Jahren entstanden Besonderheiten wie das „Blaue Grabfeld“, deren Steine und Bepflanzung in der Farbe Blau gehalten ist und der „Rhododrendronhain“ mit den Gräbern unter den im Frühjahr üppig blühenden Gehölzen. Seit 2010 bietet die evangelische Kirchengemeinde als erste in Schleswig-Holstein Urnenstelen für die Bestattung an. Ansonsten sind die Grabsäulen eher in Süddeutschland verbreitet. Sie sind bis zu 2,50 Meter hoch und aus rötlichem Betonstein gefertigt. Nicht aus Platzgründen sind sie gebaut, sondern weil die Schwarzenbeker zunehmend den Wunsch haben, sich und ihre Angehörigen individuell bestatten zu lassen. Aus diesem Grund entstand 2011 auch das „Sonnenfeld“. Es heißt so, weil die Gräberreihen strahlenförmig angeordnet und nach Süden ausgerichtet sind. Auf den Beeten wachsen vorwiegend mediterrane Pflanzen Dahinter gibt es weitere neue Grabformen: die Urnenwand und die Möglichkeit, Verstorbene fast wie in einem Friedwald unter jungen Birken bestatten zu lassen. Individuell, pflegeleicht und preiswert wünschen sich die Menschen eine Bestattung und die Grabpflege. „Der Trend geht aber weg von den anonymen Gräbern. Viele Menschen sehnen sich wieder nach einem Grab, das individuell an den Verstorbenen erinnert und ein gepflegter Ort für die Trauer ist“, sagte Schmieder.

Gedenktage für die Toten gibt es in fast allen Kulturen, der Totensonntag in unseren Kirchen ist im 19. Jahrhundert entstanden. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ordnete 1816 den letzten Sonntag des Kirchenjahres als "allgemeinen Feiertag zur Erinnerung an die Toten" an. Er wurde dabei insbesondere von der Erinnerung an die Gefallenen der Befreiungskriege geprägt.
Die evangelische Kirchengemeinde feiert am Ewigkeitssonntag den Gottesdienst um 9.30 Uhr in der St.-Franziskus-Kirche. Um 14 Uhr gibt es eine Andacht mit dem Posaunenchor auf dem Alten Friedhof an der Uhlenhorst. Um 15 Uhr beginnt die Andacht mit dem Posaunenchor auf dem Neuen Friedhof an der Möllner Straße.
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.