John

Alles, wirklich Alles war bei uns besonders.

Es begann, als ich unsere Haustür öffnete, weil ich zwei schwarze Ohren sah und dachte, unsere Frau Lotte sei von ihrem Spaziergang zurück und säße vor der Tür. Ich wunderte mich, war ich doch ganz sicher, sie gar nicht herausgelassen zu haben. Eine Katzenklappe haben wir nicht. Frau Lotte ist zwar mittlerweile nicht mehr so aktiv was das Fangen von Mäusen betrifft, doch sie zieht alle Kater der Nachbarschaft trotz Kastration magisch an. Sie duldet allerdings keine anderen Katzen in ihrer Nähe. Ausnahme ist da nur Kater Henry, doch das ist eine andere Geschichte.

Ich sah also schwarze Ohren vor unserer Haustür und so öffnete ich diese, denn wir sind von Frau Lotte gut erzogen. Auf beiden Seiten der Tür gab es einen riesigen Schrecken: „Oh, doch kein ruhiges Plätzchen zum Ausruhen“ auf der einen Seite und „Hilfe!!!!! Was ist das für ein misshandeltes, übel zugerichtetes, halb verhungertes Wesen?“ auf der anderen Seite.

Das Wesen mit den schwarzen Ohren wich bis unter mein Auto etwa drei Meter von der Haustür entfernt zurück und begann, jämmerlich zu klagen. Was sollte ich tun?
Erst einmal schloss ich die Haustür.
In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Mit ausreichend zeitlichem Abstand bin ich heute in der Lage, diese Gedanken sortiert aufzuzählen:
„Wer ist denn das? Diese Katze habe ich ja noch nie gesehen.
Was war diesem armen Geschöpf zugestoßen oder wer hatte dieses Tier so geschunden und misshandelt? Ist diese Katze noch zu retten?“
Der Anblick war mehr als grauenhaft. Das Fell war derartig verfilzt, die Augen tränten und auf dem Kopf zwischen diesen schwarzen Ohren befand sich eine riesige Wunde. Zudem war die Katze stark untergewichtig. Was sollte ich tun? Verlängerte ich die Qual der Katze, wenn ich Futter vor die Tür stellte?

Ich konnte nicht aus meiner Haut und wirklich lange habe ich wohl darüber auch nicht nachgedacht. Ich ging in die Küche und füllte einen Fressnapf mit Futter, ging langsam zur Haustür und öffnete sie erneut. In der Zwischenzeit war die Katze auf unsere Fußmatte zurückgekehrt, wich jetzt allerdings sofort wieder unter mein Auto zurück und begann erneut, kläglich zu jammern. Langsam stellte ich den Napf ab, trat wieder ins Haus und schloss die Tür.

Ich bin ganz sicher, dass ich zu keinem Zeitpunkt davon ausgegangen bin, dass das dargebotene Futter verschmäht würde. Und so war es dann ja auch.
In Windeseile verschlang das schwarz-weiße Wesen den kompletten Inhalt und bedauerte sehr, dass der Napf nicht ebenfalls fressbar war.

Damit war der Grundstein gelegt. Die Katze hatte wohl gewittert, dass im Mühlenredder 22 eine andere Katze wohnt und dass man sich nur vor die Tür setzen musste, um ebenfalls versorgt zu werden. Nach ein paar Tagen war klar, es gab für uns eine weitere Aufgabe, bevor wir morgens zur Arbeit fuhren und abends wieder Zuhause waren. Es wurde ein Ritual. Es änderte sich auch lange Zeit nichts. Die Katze setzte sich immer auf unsere Fußmatte, wich zurück, wenn die Tür geöffnet wurde, schrie lauthals und stürzte sich sofort auf das Futter, nachdem der Napf abgestellt und die Tür wieder geschlossen wurde.

Natürlich gab es aus den eigenen Reihen Proteste. Frau Lotte fühlte sich bedrängt und eingeschränkt und war unglücklich. Schließlich handelte es sich um ihre Fußmatte und ihr Grundstück. Jetzt wollte sie nur noch heraus, wenn die Luft rein war.
Da Frau Lotte meinem Mann sehr zugetan ist und das auf Gegenseitigkeit beruht, litt er unter der eingetretenen Situation solidarisch mit ihr mit.

Mein Mann Börb verkündete überzeugt, dass wir nicht alle paar Jahre eine dahergelaufene Katze aufnehmen könnten. Dazu muss man wissen, dass sich Frau Lotte Jahre zuvor auch entschieden hatte, bei uns einzuziehen. Den vorherigen Dosenöffnern hatte sie ihre Zuneigung entzogen und entschieden, dass es bei uns ruhiger und gemütlicher war. Klar, dass es bei uns katzengerechter zuging, wir haben aber auch nicht vier Kinder.
Zum Glück akzeptierten unsere „Nachbarn“ den Umzug von Cacy (so hieß Frau Lotte bis dahin) und leben bis heute damit, dass sie sich noch nicht einmal mehr von ihnen streicheln lässt. Es war lange Zeit sogar der Fall, dass sie sich versteckte, sobald sie nur die Stimmen hörte.

Doch was soll ich sagen? Mein Herz hatte entschieden, dieses Wesen durchzubringen und mein klarer Menschenverstand sah keinerlei Probleme in der Verköstigung einer zweiten, wenn auch sehr gefräßigen Katze.


Vielmehr galt es, die nächste Hürde in Angriff zu nehmen.

Ich hatte die Vermutung, dass es sich um einen Kater handelte und zudem um einen unkastrierten. Da er uns aber nie in seine Nähe ließ und aus Angst immer den Schwanz unten trug, ließ er mich lange Zeit in Ungewissheit.

Bei uns zu Haus hat alles einen Namen. Da bei meinem Mann beim Anblick dieser Katze die erste Reaktion und Äußerung: „Was ist das denn für ein Jonny“ war, einigten wir uns für die nächsten Wochen bis zur Erkennung des Geschlechts auf „JJ“ (englisch ausgesprochen) für Jonny oder Jenny, bis daraus mit Gewissheit Cowboy John, kurz John wurde.

Nachdem ich mir nun ganz sicher war, dass John unkastriert war, wollte ich nicht nur, dass er ärztliche Hilfe bekam, sondern er sollte auch entmannt werden.
John war da natürlich ganz anderer Meinung. Jede noch so langsame und vorsichtige Annäherung schlug fehl. Es war ganz eindeutig, dass seine bisherigen Erfahrungen mit Menschen keine Nähe zuließen.

Ich war so blauäugig und dachte, der Tierschutzverein würde mir da zu Hilfe kommen und das Einfangen und die Versorgung übernehmen. Doch so oft ich auch erklärte, dass ich für alle Kosten aufkommen wollte, gingen meine Anrufe und Besuche beim ortsansässigen Tierschutzverein und Tierheim ins Leere.
Ich war verzweifelt und überdachte andere Lösungen. Und es war Eile geboten. John hatte zwar an Gewicht zugenommen, doch sein Gesundheitszustand verschlechterte sich.
Also telefonierte ich alle Tierärzte unserer Umgebung ab und gab mich erst zufrieden, wenn ich von ihnen die Zusage erhielt, den Kater zu jeder Zeit zu behandeln, sofern ich ihn eingefangen hätte.
So weit – so gut. Der Rest wurde allerdings eine Katastrophe. Es war ein Freitagnachmittag.

John erschien ausnahmsweise früher. Schnell suchte ich alle erforderlichen Sachen zusammen: einen Transportkorb, Handschuhe, Autoschlüssel und die Geldbörse. Den Tierarzt, den ich am schnellsten mit dem Auto erreichen konnte, informierte ich, dass der Zeitpunkt gekommen sei und ich nun versuchen würde, den Kater einzufangen und mich dann auf den Weg machen wollte. Ohne Knurren stimmte der Tierarzt zu.

In der Zwischenzeit ließ mich John durch lautes Geschrei wissen, dass er Hunger hatte. Ich zog mir also die Handschuhe an, füllte seinen Fressnapf und öffnete die Tür. Wie gesagt, John hatte an Gewicht zugenommen, doch sein Zustand ließ mir die Tränen in die Augen schießen. Seine Augen waren komplett verklebt, die Wunde auf seinem Kopf hatte sich entzündet und eiterte. Zudem musste ihm eine andere Katze stark zugesetzt haben. Klar, er war ein all zu leichtes Opfer.

Ich glaubte ganz fest daran, dass es mir gelänge, ein derartig geschwächtes Tier greifen und in den Transportkorb setzen zu können. Doch John musste erneut geglaubt haben, dass ein Mensch seinem Leben trachtete und er kämpfte um dieses miese Leben mit all seinen verbliebenen Kräften. Er gewann.

Meine Handschuhe waren total zerfetzt und es gab keine Stelle an meinen Händen und Armen, die nicht zerkratzt und zerbissen waren. Ich blutete schrecklich aus ungezählten Wunden.
Allerdings schmerzte mich das Gefühl versagt zu haben viel mehr, als diese Wunden.

In der Küche versorgte ich meine Wunden mit H2O2 und Pflastern. Ich zitterte am ganzen Körper.
Glücklicherweise war ich mit Frau Lotte allein Zuhause. So konnte ich stündlich die Wunden reinigen, dem Tierarzt Entwarnung geben und zur Ruhe kommen. Die Ruhe wollte sich allerdings nicht einstellen, da von John weit und breit nichts zu sehen war. Was hatte ich da angerichtet!

Als abends Börb nach Haus kam, war jede Wunde geschwollen und hatte sich verfärbt. Die Fahrt zu einem Arzt lehnte ich ab. Ich wartete doch auf John. Mein Mann schimpfte schrecklich über John und ließ mich wissen, dass er ihn beim nächsten Erscheinen verjagen würde. Doch zum Glück kam John nicht.

Den nächsten Tag musste ich dann doch ins Krankenhaus. Jetzt benötigte auch ich ärztliche Hilfe. Viele Wunden mussten aufgeschnitten, meine Arme und Hände bandagiert und ruhig gestellt werden. Natürlich bekam ich eine Tetanusspritze. Am Sonntag musste ich zur Begutachtung und zum Verbandswechsel. 1 ½ Wochen war ich arbeitsunfähig und drei Tage unendlich traurig, dass John nicht erschien. Jeden Tag rechnete ich damit, ihn tot vor unserer Haustür zu finden.

Doch am vierten Tag wusste John in seinem Elend wohl keinen anderen Ausweg, als bei uns nach Futter zu verlangen.
Das Spiel begann von vorn, nur hatte ich jetzt einen Mann an meiner Seite, der das Alles nicht mehr wollte.

Ich konnte und wollte nicht aufgeben. John benötigte doch dringend Hilfe.
Erneut telefonierte ich alle Adressen ab, schließlich konnte ich mit meinen Verbänden nicht viel mehr anstellen. Beim Notdienst in Hamburg gab es eines abends einen jungen Mann, der mir um 22 Uhr bereitwillig zuhörte und mich am Ende meines Berichtes für genauso „durchgeknallt“ hielt, wie eine ihm bekannte Person beim Tierschutz. Er versprach mir, ihr meinen Fall zu schildern. Die Kontaktdaten durfte er mir nicht geben, da sie für das Bundesland in dem ich wohne, nicht zuständig ist. Ich begann zu hoffen und zu warten.

Es dauerte drei Tage und dann erhielt ich von der Dame einen Anruf. Sie forderte mich sehr bestimmt auf, das bisherige Geschehen genau zu schildern, was ich nur allzu gern tat. Auch hielt ich mich ihr gegenüber nicht mit meinen bisherigen Erfahrungen und Kontakten zum Tierschutz zurück.
Ohne zu überlegen, schmiedete sie einen Plan und verlangte von mir, dass ich sie stets auf dem Laufenden hielt.

Meinem Mann wollte ich hiervon nichts erzählen, denn ein paar Tage später sollte er seinen lang geplanten Kurzurlaub mit ein paar Freunden antreten. Die Tage seiner Abwesenheit wollte ich für den Plan nutzen.
So fuhr ich heimlich zu unserem hiesigen Tierheim und lieh mir eine Katzenfalle, die ich in unserem Schuppen versteckte. Immer wenn ich allein zu Haus war, machte ich mich mit dem Mechanismus vertraut.

Am Tage der Abreise meines Mannes musste ich ihm dann doch noch alles beichten und den Plan erläutern. Börb wünschte mir viel Glück, mahnte mich aber auch, auf mich aufzupassen. Ihm war klar, dass niemand es schaffte, mir mein Vorhaben auszureden.

Ich baute also die Katzenfalle wie geheißen in unserem Garten auf. Meine erste umzusetzende Anweisung lautete, die Falle aufzustellen und sicher zu stellen, dass sie nicht zuschlug. Das bekam ich hin und John fraß nun immer in der Falle.
Ausnahmsweise funktionierte alles, wie von Frau M. vorhergesagt.
Den vollständigen Namen von Frau M. möchte ich verständlicherweise nicht preisgeben.

Die Umsetzung des Planes sollte fortfahren. Ich bat meine Schwester von Freitag auf Samstag bei mir zu übernachten. Sie zögerte keinen Augenblick mich zu unterstützen, musste sie sich doch seit Wochen das Drama am Telefon anhören.
Meine Schwester hat die Gabe mich zu beruhigen. Zudem brauchte ich sie wegen ihrer Wohnanschrift (sie wohnt in dem Bundesland, das in dem Zuständigkeitsbereich von Frau M. liegt) und sie sollte John und mich fahren.

Seit Tagen nahm John also seine Mahlzeiten in der Falle ein. Nach wie vor wartete er unter meinem Auto, bis ich das Futter abgestellt und im Haus verschwunden war.
An diesem Samstag, es war der 4. Juli 2009 waren wir auf mein Drängen sehr frühzeitig fertig angezogen und hatten alle Vorbereitungen getroffen.
Eine Last fiel von meinen Schultern, als John erschien.

Frau M. hatte mich angewiesen, wegen der eventuell bevorstehenden Narkose nur eine
kleine Portion Futter in die Falle zu stellen. Während des Abstellens des Napfes löste ich den Feststeller der Falle. Zum Glück klappte es auf Anhieb, obwohl meine Hände schrecklich zitterten. Aber ich hatte es die Tage davor zig Mal geübt.

Ich verschwand im Haus und wartete. John ging in die Falle, fraß und oh nein, er verließ die Falle ohne Auslösung des Schließmechanismus. Zudem war er ungehalten, da die Portion nur so klein ausgefallen war.
Meine Schwester begann mich zu beruhigen und ermutigte mich, es erneut zu versuchen.
Ich tat es, aber auch dieses Mal überlistete John den Mechanismus.

Jetzt lagen meine Nerven blank, ich zitterte schon wieder am ganzen Körper und dachte nur noch daran, dass ich erneut versagen würde..
Heute weiß ich, dass ich keine besser geeignete Person als meine Schwester hätte auswählen können. Sie schob mich einfach aus der Tür und zwang mich, einen weiteren Versuch zu unternehmen.

Also, John kam unter dem Auto hervor, ging in die Falle, fraß die zwei kleinen Bröckchen, drehte sich um und wollte wieder verschwinden, da sprang ich aus dem Haus, um ihn hieran zu hindern. Vor Schreck trat er auf den Mechanismus und genau vor seiner Nase schnellte die Falle zu. Im ersten Moment befürchtete ich schon, er könnte sich verletzt haben.
Nachdem er realisiert hatte, dass er gefangen war, fing er an zu toben. Doch die Decke lag wie geheißen griffbereit und sobald wir sie über die Falle legten, herrschte Stille. Frau M. hatte mir versichert, dass John sofort ruhiger würde, sobald Dunkelheit um ihn herrschte.

Irgendwie brachte mich meine Schwester dazu, meine gepackte Tasche zu ergreifen und das Haus zu verlassen. Die Familienkutsche meiner Schwester machte es möglich, dass wir John mitsamt der Katzenfalle mühelos verstauen konnten.
Jetzt hatten wir ein paar Kilometer zu fahren, schließlich mussten wir in ein anderes Bundesland. Von unterwegs rief ich Frau M. an und brachte sie auf den neuesten Stand. Noch einmal gab sie mir die Verhaltensregeln für unsere Ankunft durch.
John verhielt sich die ganze Zeit so still, dass ich den Gedanken verdrängen musste, dass er bislang alles überlebt, diese Tortour ihm aber den Rest gegeben hatte.

Im Tierheim angekommen, lieferten wir John ab und meine Schwester berichtete, wie sie zu diesem Kater gekommen sei. Er wurde aus der Falle in einen Käfig umquartiert und meine Schwester musste ihre Personalien bekannt geben und sich verpflichten, den Kater nach der Behandlung wieder abzuholen.

Zwei Tage später informierte mich Frau M., dass John’s Gesundheitszustand stabil geworden sei und er nun kastriert würde. Zudem müsste er entwurmt und entfloht werden sowie eine Zahnbehandlung erhalten. Sie erklärte mir, dass man ihm eine Ecke aus dem linken Ohr zum Zeichen seiner Kastration knipsen würde. Diese Markierung erhalten alle Freilaufkatzen.
Zudem wollte sie einen geeigneten Transportkorb für mich hinterlegen, da die handelsüblichen nicht ausreichend stabil seien, wenn es um einen genesenen, wilden Kater ginge.

13 Tage später, an einem Freitag war es dann soweit.
Natürlich im Auftrage meiner zeitlich verhinderten Schwester handelnd, nahm ich John in Empfang. Was für ein schöner Kerl. Schick sah er aus mit seinem Fell, der süßen aber auch frechen Schnute. Bis ich den Motor meines Autos startete, verhielt er sich ruhig. Also zauberte ich wieder eine Decke hervor und breitete sie über den Transportkorb. John schwieg während der Fahrt, dafür redete ich umso mehr. Ich überlegte laut, wie seine Zukunft aussehen könnte. Er ertrug es.

Zuhause angekommen, stellte ich den Korb in unseren kleinen Garten, setzte mich neben ihn und sagte, dass ich ihm für die Zukunft alles Gute wünsche und er auf sich aufpassen solle.

Dann entließ ich ihn in die Freiheit. Es war 15 Uhr und ich war traurig und glücklich. Ich ging davon aus, dass er nie wieder in unsere Nähe käme.

Es sollte genau bis 19.3o Uhr dauern, da saß Cowboy John wieder vor unserer Tür und es begann das zweite Kapitel unserer Geschichte.

Bevor ich es vergesse, möchte ich meinem Mann danken, dass er meine Beharrlichkeit hingenommen hat. Bin ich froh, dass ich einen derart tierlieben Mann habe.

Ich danke meiner Schwester für ihre Unterstützung. Ohne sie hätte ich versagt und ein wunderbares Wesen wäre zugrunde gegangen, ohne zu wissen, dass das Leben auch schöne Seiten hat.

Frau M., wo sie die Kraft und Motivation hernehmen, bei dem ganzen Elend, das sie jeden Tag sehen, ist mir ein Rätsel. Sollten Tiere einen Verteidiger oder Richter brauchen, sie wären immer meine erste Wahl. Ohne die Tiere zu vermenschlichen, setzen sie ihr komplettes Engagement ein, Tieren zu helfen. Sie sind ein wunderbarer Mensch!


Die zweite Phase konnte beginnen.

Mit Frau M. blieb ich in Kontakt. Sie schaute sich die ersten Fotos von John an und wollte von unseren Fortschritten hören. Diese waren allerdings bescheiden klein.
Ich teilte ihr meine Sorgen mit, denn noch war das Wetter warm. Aber wo sollte John Unterschlupf finden bei Regen und wenn es kalt wurde?

Auch hier hatte Frau M. schnell eine Lösung. Sie schenkte uns eine Hundehütte.
Mein Mann wurde noch im Sommer dazu verdonnert, diese Hütte zu isolieren, was er allerdings mehr als gern tat. John war durch die Kastration Frau Lotte gegenüber nicht mehr so gewalttätig und da sich John prächtig machte, eroberte er schnell das Herz von Börb zurück.
Wir konnten das kleine Häuschen links vor unserer Haustür integrieren. Es sah wirklich schick aus. Selbstverständlich wurde das Innenleben weich ausgepolstert und die Decken von mir regelmäßig gewechselt und gereinigt, denn John nutzte dieses Häuschen.
Frau M. war immer davon überzeugt, dass John es uns eines Tages „danken“ würde, was wir für ihn getan haben. Auch in diesem Punkt behielt sie Recht. Das darf ich jetzt schon verraten.

Als dann unser Urlaub vor der Tür stand, war die beste Katzensitterin längst mit den Ritualen bekannt. Sandra wohnt nur ein paar Häuser weiter und von Anfang an mit unserer neuen Situation vertraut.
Per SMS wurde ich regelmäßig informiert, dass John sich morgens auf sein Futter stürzte, sobald sie die Haustür wieder geschlossen und das Grundstück verlassen hatte.
Abends beobachtete sie John beim Fressen hinter der geschlossenen Haustür von innen. Unsere Frau Lotte hatte sich in der Zwischenzeit daran schon gewöhnt oder einfach damit abgefunden.

Aus dem Urlaub zurückgekehrt, stellten wir fest, dass John mittlerweile viel Zeit in unserem Garten verbrachte und sich diverse Schlafplätze zu Eigen gemacht hatte.
In unsere Nähe kam er allerdings nie.

Ein bevorzugter Ruhe- und Schlafplatz war in der Zwischenzeit das Stoffdach meines Autos geworden. Ich bin wahnsinnig glücklich darüber, dass ich dies mit ein paar Fotos festgehalten habe. Er machte sich prächtig auf diesem Auto und war eine Attraktion.
Die Vorliebe für meine Autodächer aus Stoff blieben, obwohl das Auto gewechselt wurde.
Da John ein stattlicher Kater von immensen Ausmaßen wurde, genoss er es, dass die Fläche des Daches sich seiner Körpergröße anpasste.

Leider wurde es jetzt immer kühler und ungemütlicher. Wir wollten versuchen, seinen Futterplatz nach innen in unseren Flur zu verlegen. So wurde die Haustür zur Fütterung weit geöffnet und festgestellt. Den gefüllten Fressnapf stellten wir einen Meter von der Haustür entfernt ab. Sobald wir uns dann zurückzogen, betrat John sehr vorsichtig und wachsam den Flur und vertilgte in kürzester Zeit seine Ration. Er hinterließ nie ein Krümelchen. War die Ration zu gering ausgefallen, ging er bis auf die Fußmatte zurück und schrie.
Dieser neue Futterplatz bedeutete allerdings auch, dass keiner von uns zur Toilette oder nach oben in den ersten Stock konnte. Wir ebenso wie Frau Lotte mussten immer vorher alles erledigt haben, aber das ließ sich leicht organisieren. Schließlich freuten wir uns über die Fortschritte.

Natürlich wurde es immer kälter und es regnete immer häufiger. John sah mitunter für uns so müde und durchgefroren aus. Wir froren auch, denn unsere Haustür stand ja immer noch offen, sobald er in der Nähe war.
Wir entschieden uns, die Tür nur noch einen Spalt breit geöffnet festzustellen. Im Haus wurde es nicht wirklich wärmer, aber John döste jetzt häufig nach dem Fressen im Flur auf dem Läufer im Flur.

Die morgendliche Fütterung verschlief mein Mann in der Regel. Frau Lotte und ich kümmerten uns um John. Unser Lottchen beäugte jeden Morgen John aus sicherer Entfernung aus dem Wohnzimmer. Selbstverständlich wartete ich mit dem Öffnen der Tür, bis sie gefressen und ihre notwendigen Gänge erledigt hatte.

Wie die Zeit verging. Nun war es November und mein lang geplanter Urlaub mit meiner Schwiegermutter stand bevor.
Sorgen trübten meine Vorfreude. Schaffte es mein Mann, John ordnungsgemäß zu versorgen?
Meine Anweisungen und meine Ermahnungen sowie mein Flehen ließ er über sich ergehen. Und was soll ich sagen, es klappte wunderbar. Besser noch.

Es war doch nicht zu fassen: Während meiner Abwesenheit erfuhr ich durch das Telefon, dass John bei geschlossener Haustür fraß und in keinerlei Angstzustände verfiel. Zudem wurde mir nach meiner Rückkehr ausführlich berichtet, John hätte stundenlang in unserem Bett gelegen und sich von nichts und niemanden stören lassen. Nicht einmal von Freunden meines Mannes. Und diese Freunde sind alles andere als ruhige Menschen. Ich war ein bisschen neidisch auf die schönen Erlebnisse meines Mannes mit John.
Doch die Freude überwiegte. Jetzt, wieder zu Hause, konnte ich mich von alledem mit eigenen Augen überzeugen.
Stolz, Zufriedenheit und riesige Freude bei meinem Mann und mir, doch Frau Lotte war wütend und war gar nicht glücklich über diese Wendungen.
Wir machten uns viele Sorgen um Frau Lotte. Frau M. musste mir dann immer gut zureden und war überzugt, dass sich das alles von selbst zwischen den beiden regelte.

Heute bin ich ganz sicher, dass sich Frau Lotte von ganz allein in die zweite Reihe einreihte. Auch akzeptierte sie, dass sie fortan in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt war. Doch in ihrer Nähe duldete sie ihn nie. Sofort knurrte und fauchte sie. Da aber keine Kämpfe stattfanden, versuchten wir das Beste aus der Situation zu machen.

Als ich erfuhr, dass es eine Entspannungs-CD für Katzen geben sollte, bestellte ich diese sofort. Zwei- oder dreimal ließ ich sie auch laufen. Unsere Katzen hörten sich das auch gespannt an, aber ob sie zur Entspannung in der Beziehung zwischen den Beiden wirklich beitrug, kann ich nicht wirklich bestätigen. Ich glaube, es braucht eben alles Zeit und mit den Wochen entspannte sich die Situation von ganz allein. Wir mussten nur lernen, nicht immer sofort einzuschreiten, aber das fiel uns sehr schwer.

Lotte ging John immer so gut es ging aus dem Weg. Der Kater hingegen hätte sie zu gern
in den Schwitzkasten genommen und mit ihr herum getobt. Doch das war für Frau Lotte undenkbar. Mit ihrem Gezeter hielt sie ihn auf Abstand. Passte sie einmal nicht auf und wurde von John zu sehr bedrängt, genügte ein lautes „John“ und er ließ von ihr ab.



In unserer Geschichte gibt es einen ganz besonderen Abschnitt, eine Zeitspanne von ca. 2 Stunden, die nur John ich teilen. Jede Minute war so intensiv, dass ich immer, wenn ich daran denke, eine Gänsehaut. Und schließe ich die Augen, kann ich John hören und fühlen.
Es war nur drei Tage nach Rückkehr meiner Reise und ich hatte noch Urlaub. Ich war mit den Katzen allein zu Haus. Etwa gegen 10.00 Uhr kehrte John von einem Spaziergang zurück und verlangte in der Küche nach einer Portion Futter. Ich setzte mich ins Wohnzimmer auf unser Sofa, um ihn in Ruhe fressen zu lassen.
Nachdem er sein Näpfchen geleert hatte, kam er zu mir und schnurrte laut. Aber er schnurrte nicht nur. Er machte zusätzlich einen besonderen hohen Ton, fast als summte er ein Lied. Ich kann es nicht besser erklären.
Ich verhielt mich ruhig und sprach mit ihm. Da ich keine Anstalten machte, sprang er zu mir auf die Lehne des Sofas. John setzte sich dort kurze Zeit hin und sang und beobachtete mich. Dies war der Augenblick, als ich das erste Mal meinte zu sehen, dass John grinste.
Später waren wir oft der Meinung, dass John grinst.
Doch auch jetzt sprach ich nur weiter mit ihm und versuchte nicht, ihn zu streicheln.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatten weder Börb noch ich versucht, ihn anzufassen und zu streicheln.

John ging noch weiter in seiner Annäherung. Er kam zu mir auf den Schoß, gab mir Kopfnüsse und machte den Milchtritt, was für mich etwas schmerzhaft war. Jetzt begann ich ihn zu streicheln. Er drückte sich gegen meine Hände und ließ sich langsam auf meinem Schoß nieder. Ich war sehr zurückhaltend, doch John forderte seine Streicheleinheiten und ließ mich erkunden, welche Zärtlichkeiten er mochte und welche nicht.
Schnell stellte ich fest, dass er über und über mit Kampfspuren übersät war. Diese Kämpfe mussten allerdings ein paar Tage zurück gelegen haben, denn der Schorf begann sich langsam zu lösen.
Wie es so meine Art ist, konnte ich gar nicht umhin, als mit dem vorsichtigen Abpulen des Schorfes zu beginnen. Und siehe da, das war ganz nach seinem Geschmack.
Er räkelte sich auf meinem Schoß und zeigte mir weitere Kampfspuren, die ebenfalls von mir bearbeitet werden sollten. Von diesem Zeitpunkt an wurde dies ein weiteres Ritual von uns. So manches Mal ertappte ich mich dabei, dass ich vermutete, dass sich John sofort in einen neuen Kampf stürzte, sobald ich nichts mehr zu pulen hatte. Da er wirklich keiner Auseinandersetzung aus dem Weg ging, war ich somit immer damit beschäftigt, ihn abzutasten und Kampfspurenpflege zu betreiben.

John war fortan der Schmusetiger schlechthin.

Es kam soweit, dass er nicht gern allein sein wollte, wenn er im Haus war. Frau Lotte schläft immer bei meinem Mann am Fußende des Bettes oder wenn dieser in der Nacht zu unruhig ist, auf der Truhe vor dem Bett oder einfach unter dem Bett.
John hatte seine Schlafstätten im Wohnzimmer. Doch wenn wir drei nach oben gingen, war er unglücklich und fühlte sich wohl einsam. Also folgte er uns nach einer gewissen Zeit. Allerdings war das für Lotte keine Lösung. Sie schrie, fauchte und knurrte und an Schlaf war für uns nicht zu denken. Also ging ich die erste Zeit mit John wieder hinunter ins Wohnzimmer und wir beide schliefen auf dem Sofa. Das war jetzt nicht wirklich ein Opfer von mir. Ich schlafe sehr gern auf unserem Sofa.
So dicht bei John, wurde ich allerdings ständig wach, weil er jede seiner Bewegungen kommentieren musste. Er grunzte und stöhnte in einer Tour. Zudem träumte er heftig.

Da ich überall schlafen kann, war es für mich auch kein Problem, mit John auf dem Boden auf einem Teppich zusammengekuschelt zu schlafen. Dies war der Fall, wenn seine Verletzungen von den Kämpfen stärker ausfielen. So manches Mal befürchtete ich das Schlimmste, wenn John herein kam. Seine weiße Brust war dann blutüberströmt, überall hingen Fellfetzen und er sah arg demoliert aus. Dies waren schreckliche Momente für meinen Börb. Wenn er konnte, vermied er dann die Nähe zu John. Er ließ sich erst wieder blicken, wenn ich Entwarnung gegeben und John untersucht und verarztet hatte. Zum Glück sah es meistens schlimmer aus, als es war. John war ein lieber Patient, der meistens still hielt, wenn ich ihn betastete und säuberte. Nur H2O2 war nicht sein Fall. Aber nicht immer konnte ich ihm die Anwendung ersparen.

Mit der Zeit stellte John seine ganze Pracht zur Schau. Voller Stolz auf so einen stattlichen, gut aussehenden Kater darf ich berichten, dass er von enormer Körpergröße war, wunderschönes Fell hatte und ein ausgeprägtes Mimikspiel beherrschte. Wenn er den Schalk im Nacken hatte, verriet ihn seine krause Nase. Selbst Frau Lotte wurde durch seinen bloßen Anblick in den meisten Fällen rechtzeitig gewarnt.

Das Katzenduschen, wie ich das Bürsten nenne, bevorzugte John auf dem Rasen. Auch durfte ich seine riesigen Pfoten massieren und ich war immer wieder erstaunt, wie groß diese waren.
Dass er einst eine große Wunde auf dem Kopf hatte, war durch die enorme Narbe immer zu fühlen. So manches Mal vermutete ich, dass Katzen auch wetterfühlig sind, denn es gab Momente, da wollte er nur diese Narbe massiert bekommen.


Unsere Frau Lotte hatte irgendwie von selbst verstanden, dass eine „Katzenmutter“ sich automatisch immer zuerst und ganz speziell um die Sorgenkinder kümmert.
Ohne Ihr Zurückstecken wäre alles nicht möglich gewesen.
Frau Lotte, auch Du bist ein ganz besonderes und wunderbares Wesen!!

Es ist wohl zu merken, dass ich keine eigenen Kinder habe und ja, ich weiß, dass ich meine Mutterinstinkte an „meinen“ Katzen auslebe.



Phase 3

Wir waren eine glückliche Familie.

Während unseres ersten Winters gewöhnte sich John daran, nur Stunden oder wesentlich kürzere Zeiträume draußen zu verbringen. Es war ja auch der erste Winter mit dem vielen und lang anhaltenden Schnee. Er liebte es, wenn ich Schnee schaufelte, herum zu toben und richtigen Quatsch zu machen.

John und Frau Lotte verbrachten viele Stunden allein zu Haus, während wir arbeiteten. Die Katzenklos benutzte John nicht. Wie er das machte, ist uns bis heute ein Rätsel. Allerdings mussten wir das erste halbe Jahr dafür sorgen, dass Frau Lotte in Ruhe auf die Katzentoilette gehen konnte. Zu gern ging er ihr nach, setzte sich vor sie und wartete bis sie alles erledigt hatte, um sie dann zu jagen und zu schnappen. Die Ärmste.

Natürlich gehörte zum Winter auch ein Sylvester. WAHNSINN.
Frau Lotte verkriecht sich dann unter das Bett. Wir verhängen alle Fenster und halten sie selbstverständlich geschlossen.
Wir waren uns einig, dass wir den ersten gemeinsamen Sylvester mit John Zuhause verbrachten. John wurde ab Spätnachmittag nicht mehr aus dem Haus gelassen.
Der arme Kerl. Als es mit dem Lärm intensiver wurde, zitterte er am ganzen Leibe. Inzwischen habe ich gelernt, dass unsere Beruhigungsversuche genau das Gegenteil bewirkten. Kurz vor Mitternacht war er dann verschwunden und wir suchten ihn. Und wir sahen ein kleines Wunder. John hatte sich zu Frau Lotte unter das Bett gelegt, ganz nah bei ihr und sie hat in geduldet. Zum Glück haben wir alle vier diese Strapaze überstanden.

Als es langsam Frühjahr wurde, übergab ich unserer unmittelbaren Nachbarin und Freundin einen Haustürschlüssel. Die liebe Beate übernahm fortan die Aufgabe, John entweder vor unserer Rückkehr von der Arbeit aus seiner Gefangenschaft zu befreien oder ihn ins Haus zu lassen, wenn er vor unserer Abfahrt nicht rechtzeitig von seinem Streifzug zurück kam, bevor wir uns auf den Weg machen mussten. Es war ja noch so kalt und nass.

Kaum vorstellbar, wie schnell ein Kater lernt und vieles als Selbstverständlichkeit annimmt.
Er wurde ja nun hin und wieder von Beate „gerettet“ und wusste woher Hilfe kam. Also dachte er sich wohl, warum so lange auf Rettung warten, wenn man durchnässt und verfroren vor der geschlossenen Haustür saß. Er setzte sich also vor die Haustür von Beate und wartete, bis sich ihre Tür öffnete, er unseren Schlüssel hörte, wenn sie ihn von der Ablage nahm und ging dann zu unserem Haus, um sich von ihr die Tür öffnen zu lassen. John hat sich bei Beate hierfür bestimmt nicht bedankt. Das möchte ich hiermit ausdrücklich nachholen. Sie hat sehr schnell erkannt, was für eine besorgte „Katzenmutter“ ich bin und hat mitgespielt.
Gern erinnert sich Beate daran, dass sie oft schon schreiend in Empfang genommen wurde und sie sich dann sputen musste, ihn nach Hause zu bringen.

Beate konnte John nie in ihr Haus lassen, was er natürlich gern hin und wieder getan hätte. Aber bei Beate wohnten die beiden Kater ihrer Tochter. Beate hatte John versprochen, dass sie ihn das Haus inspizieren ließe, wenn ihre Tochter mitsamt den Katern ausgezogen wäre. Von dieser Idee war ich natürlich nicht so begeistert. Ich befürchtete immer, dass ich auf John wartete und mir Sorgen machte und er in Seelenruhe in Beates Haus schlief. Aber wie Beate am Tage X als erstes feststellte, bekam John nie die Möglichkeit, ihr Haus zu erkunden.
Zu sehr wünsche ich mir heute, dass John bei Beate ist und ich auf ihn warte. Aber…..

Meiner vielleicht schon krankhaften Angst und Sorge um das Wohl der Katzen ist es zuzuschreiben, dass es feste Rituale und Rythmen gibt und sich alles nach den Katzen ausrichtet. Schon immer war ich ein Frühaufsteher, ja sogar ein Sehr-Früh-Aufsteher. Doch damit ich auch in meinen Augen den Katzen gerecht wurde, stand ich noch eine Stunde eher auf. John saß in den Schön-Wetter-Monaten vor der Haustür und wollte hineingelassen und gefüttert werden. Er ging dann noch ein- oder zweimal hinaus und blieb dann tagsüber im Haus. Frau Lotte musste für ihre kurzen Ausflüge oder das „Spazierengucken“ die Zeitspannen erwischen, wenn John erneut unterwegs war. Er scheuchte sie immer wieder ins Haus. Fast so, als hätte er entschieden, dass die Welt außerhalb des Hauses zu gefährlich für sie wäre. Auch das hat sie auf sich genommen.

Doch weiter mit dem Ablauf. Wenn Lotte gefressen und spazierengeguckt hat, will sie gebürstet und bekuschelt werden. Das war der Zeitpunkt, dass ich meinen Börb weckte, er sollte mir Frau Lotte „abnehmen“, denn John wollte auch schmusen und ich musste ja auch noch ins Bad und mich für den Job fertig machen. Nie, wirklich nie, habe ich es mir anders gewünscht.

Natürlich gibt es noch mehr Beispiele dafür, dass wir ein bischen „anders“ sind:
Unser Held hatte Angst vor der Waschmaschine. Das Schleudern versetzte ihn in Panik. Also wusch ich nur, wenn er draußen unterwegs war oder ich reduzierte die Drehzahl derartig, dass die Wäsche fast nass aus der Maschine kam. In meinen Augen war aber auch das kein Problem.

Sein absoluter Lieblingsplatz zum Schlafen war unser Esstisch auf weichen Decken, wie auf Wolke 7. „Katzen haben auf dem Tisch nichts zu suchen“. Dieser Meinung war mein Mann auch. Doch er hatte schon bei Frau Lotte keine Chance. Doch diese kommt nur auf den Tisch, wenn es Grillhähnchen gibt Welches Argument wollte mein Mann denn vorbringen? Der Tisch ist groß genug. Selbst mit einem schlafenden Kater hatten wir ausreichend Platz zum Essen.

John entschied nicht nur, wo er schlief, nein auch wann er ein Eigelb zu bekommen hatte. Er setzte sich dann neben den Kühlschrank und nichts konnte ihn umstimmen.
Zudem bevorzugte er es, auf der Fensterbank in der Küche zu fressen. Dazu musste er natürlich über die Arbeitsplatte. Ich musste damit klar kommen, dass ich immer Katzenfußabdrücke auf meinen Schränken hatte.
Ich weiß, dass dies nichts mit artgerechter Haltung zu tun hat. Aber es geht noch weiter.

Mein Mann schlug häufig vor, ich solle Kinderbücher schreiben und mir eine Illustratorin suchen, die meine Phantasien zu meinen Geschichten zeichnet.
Es ist richtig, ich habe eine blühende Phantasie und meine Katzen inspirieren mich täglich.
Sollte ich den Vorschlag meines Mannes in die Tat umsetzen, so wäre seine vage Hoffnung dabei, dass er nicht immer derjenige sein muss, der sich meine erzählten Phantasien anhören muss.
Doch wer liest heute noch Kinderbücher? Für mich war damals der gestiefelte Kater ein Held. Aber Kinderbücher machen doch keine Geräusche, erbringen keine Gamerscores und haben ja auch keine Tastatur. Also bleiben meine Geschichten in meinem Kopf, es sei denn, ich finde ein Opfer, das einen Moment zuhört.

Von Freunden, Nachbarn und aus eigener Beobachtung wissen wir, dass John ein riesengroßes Revier hatte. Dass eine Katze so weite Strecken zurücklegt, kannte ich bis dahin nicht. Ein Grund mag dafür sein, dass John erst so spät kastriert wurde. Umso erstaunlicher finde ich, dass er nie gespritzt hat.
So lang auf sich allein gestellt und derartig schlecht von Menschen behandelt, ist es selbstverständlich, dass er ein erfolgreicher Jäger war. Er brachte Mäuse, natürlich lebend, damit wir Menschen lernten, ebenfalls Beute zu machen. Auch Vögel mussten ihr Leben lassen. Diese fand ich dann immer auf dem Rücken liegend und mit den Beinchen gen Himmel zeigend, auf unserem Rasen. Grausam in den Augen meines Mannes, natürlich für mich. Ein kluger Mensch sagte einmal „wer die Katze liebt, liebt das Raubtier“. Ja, ich liebe diese zärtlichen Raubtiere.

So schreckhaft John gegenüber der Waschmaschine war, so mutig stellte er sich jedem Handwerker entgegen. Und wir hatten viele Handwerker. Ständig wird bei uns etwas verändert oder renoviert.
Allerdings können bei uns nur Handwerker arbeiten, die bei unserer Abwesenheit einige Anordnungen befolgen. Zudem mussten sie die beiden Katzen auseinander halten können. Denn Frau Lotte darf nur noch draußen, wenn einer von uns beiden Zuhause ist. John hingegen durfte kommen und gehen, wie es im beliebte.
Es klappte immer perfekt.
Die Handwerker unseres Vertrauens hinterließen sogar kleine schriftliche Notizen für uns, damit wir den Tagesablauf unserer Lieblinge nachvollziehen konnten.
„Die kleine dicke Katze hat uns nur beobachtet – aus sicherer Entfernung. Der große Kater ist zu uns auf das Gerüst gekommen und hat unsere Arbeiten überwacht. Haben ihn bei unserem Verlassen so gegen 17.00 Uhr wieder nach draußen gelassen“.
Sind das nicht tolle Handwerker?
Unsere beiden Goldstücke hat auch das maschinelle Abstemmen von Fliesen nicht aus der Reserve gelockt. Seelenruhig haben die Beiden geschlafen, ich dagegen habe mich aus dem Staub gemacht und meinen Mann in dem Lärm und Dreck zurück gelassen.

Apropos laute Geräusche. John hat jede kleinste Bewegung im Schlaf oder Dösen mit den lustigsten „Kommentaren“ untermalt. Es wurde gegrunzt, gestöhnt und gequietscht. Auch das war einzigartig, denn er tat es ohne Ausnahme.

Frau Lotte und John haben nie einen Schlafplatz geteilt, sich nie gegenseitig geputzt. Das haben wir uns immer noch gewünscht. Doch sie haben sich beschnuppert, „geküsst“ und Lotte bekam hin und wieder von John eine Begrüßungskopfnuß.
Allerdings wurde die arme Lotte häufig von John gejagt und wenn sie dann sicher in ihren Schlupflöchern untergetaucht war, wurden unsere Läufer gefaltet und auf das schlimmste bearbeitet. Oft hatte er auch zu viel Anlauf und somit Schwung. Dann ging es über das Sofa, hinter das Sofa, wieder auf das Sofa und dann platzierte er sich voller Stolz in der Mitte des Zimmers und wartete auf das Lob.
Schnell hatte Lotte heraus, dass sie sich nicht wirklich in Sicherheit zu bringen hatte. Also machte sie sich gar nicht mehr die Mühe und versteckte sich unter dem Tisch oder ähnliches. Sie sah nur zu, dass sie nicht in seiner unmittelbaren „Umlaufbahn“ war.
Erwähnen möchte ich noch, dass John sich von allen Besuchern streicheln ließ, wenn er im Haus war. Er war immer ganz sanft und zutraulich. Außerhalb des Hauses durften nur wir ihm nahe kommen.

Ich bin überzeugt, jeder Mensch, der mit einer oder mehreren Katzen zusammen lebt, kann ähnliches erzählen. Meine Geschichte mit John soll vorerst hier enden. Ob ich sie je bis zum Schluss erzähle, weiß ich nicht.

Nachdem mir meine Freundin Uta zum Trost sagte, dass die Beziehung zwischen John und mir von Anfang an besonders war und ich dann auch noch las, dass es bei der Verarbeitung von Trauer helfen soll, seine Gedanken nieder zu schreiben, machte ich mich ans Werk.
Während ich schrieb, war er wieder bei mir und mir ganz nah und ich lebte in der Vergangenheit. Für die Gegenwart bin ich noch nicht bereit.
Aber eines weiß ich mit Sicherheit:
„John, du warst und bist einzigartig und etwas ganz besonderes! Ich danke dir von ganzen Herzen, dass du uns ausgesucht hast und uns eine wunderschöne Zeit schenktest“.
So wie mein Stöpsel und leider irgendwann auch Frau Lotte, werde ich dich nie vergessen. Die Zeit heilt alle Wunden, so heißt es. Doch es gibt Wunden, deren Schmerzen mit der Zeit vielleicht erträglicher werden, aber immer, jeden Tag gleichmäßig weh tun. Und ich bin überzeugt, dass es auch so sein muss, denn anderenfalls würde man vergessen. Nein! Vergessen werde ich dich n i e!
Jetzt brauche ich keine Angst mehr um dich zu haben, meine Micky Maus. Was immer mit uns irgendwann geschieht, du hast es geschafft.

Deine M.
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