Satire nach dem Hochwasser: Vollgelaufener Keller als Ausflugsziel

 
Satire: Der Kunstmaler Christian Kleinfeld bietet für fünf Euro Führungen durch seinen nassen Keller an.
Ich bin Echo-Reporterin Monika Retzlaff. Mein vierjähriger Polnischer Niederungs-Hütehund Barney, braucht täglich mindestens zwei Stunden Auslauf. In „seinem“ Territorium, dem Rülauer Wald in Schwarzenbek, kennen wir schon fast jeden Baum und Strauch. Deswegen gehen wir jetzt zusammen auf Entdeckungsreise durch den Kreis Herzogtum Lauenburg, denn eines haben wir gemeinsam: Wir stecken unsere Nase gern in alles, was uns interessant vorkommt, gehen gern auf Menschen zu und wollen sie kennen lernen.

Elf Fuhren Müll aus dem nassen Keller geholt

In der Lauenburger Altstadt hat der Kunstmaler Christian Kleinfeld (58) die Türen zu seinem Atelier an der Elbstraße 79 weit geöffnet. Nicht nur, um den modrigen Geruch des vom Hochwasser überfluteten Kellers loszuwerden, machte er die Tore auf, sondern auch, um die Neugier der Passanten zu befriedigen und mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Während die Anwohner der Elbstraße noch beim Aufräumen und Auspumpen ihrer Häuser sind, kommen Touristen, um sich die Folgen des Hochwassers anzusehen und anschließend irgendwo gemütlich einzukehren. „Besichtigung meines vollgelaufenen Kellers 5,00“, hat Kleinfeld auf ein Schild geschrieben. Es ist Satire und Galgenhumor zugleich. Eine Familie aus der Lauenburger Oberstadt nahm das Angebot für bare Münze und drückte im 15 Euro in die Hand. Der Künstler, der großformatige Bilder in der Fleckentechnik im Neoimpressionismus malt, veranstaltete dann eine gruselige Kellerführung, bei der sogar „Gespenster“ in den Ecken lauerten. Etwa 75 Zentimeter hoch stand in den Räumen das Wasser. Viele Akten, Skizzen und Tagebücher und Malereien hatte der Lauenburger hoch gelegt. Was unten lag, ist Müll. Elf Fuhren hat er mit seinem Anhänger zum Recyclinghof gebracht. Seine Sammlung mit Münzen und Geldscheinen aus Urlaubsorten fischte er aus dem Wasser. Nun hat Kleinfeld sie im Freien getrocknet und verschenkt an das Mädchen, deren Eltern ihrem Kind unbedingt den nassen Keller zeigen wollten.

"Gespenstische" Rückkehr nach Hause

Als „gespenstisch“ hat Kleinfeld nach der Evakuierung die Rückkehr in sein Atelier und in sein gegenüberliegendes Wohnhaus in Erinnerung. Punkt 11.30 Uhr hatte er an am vergangenen Sonnabend zu erscheinen. Ein Bausachverständiger, Feuerwehr und Polizei erwarteten ihn. Nach der Begutachtung aller Räume bekam er den Schlüssel und durfte wieder in sein Zuhause. Die Woche zuvor hatte er auf einem Campingplatz verbracht. Weil er in der Eile zu Hause das Handy mit dem Haustelefon verwechselte, konnte er zunächst nicht einmal Kontakt mit seinen Verwandten halten. Um zu telefonieren fuhr er nach Büchen und benutzte eine Telefonzelle. In seiner Notunterkunft zeichnete er einen Plan seines Hauses, falls Einsatzkräfte ihn benötigen. Haben wollte den aber niemand. Alles in allem seien die Lauenburger im Gegensatz zu vielen Flutopfern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Bayern noch glimpflich davon gekommen, meinte Kleinfeld.

"Wir kommen wieder, liebes Haus!"

Ein paar Häuser weiter hat Hans-Jürgen Rumpf die winzigen Fenster seines „Alten Kaufmannshauses“ weit geöffnet, die Heizung und Ventilatoren angestellt, um Feuchtigkeit und den muffigen Geruch zu vertreiben. Eine Menge Arbeit steht ihm noch bevor, damit dort wieder wie vorher Konzerte stattfinden können. In aller Eile hatte Rumpf innerhalb eines Tages den Keller des 1652 gebauten Hauses leer räumen müssen. Acht Helfer hatten eine Kette über die schmalen, steilen Treppen gebildet und schleppten schwere, antike Möbel und Hausrat in das Obergeschoss. „Mir geht es gut“, sagt er. Aber es wirkt so, als wollte er sich damit auch selbst Mut zusprechen.
Die Erleichterung, wieder zu Hause in den eigenen vier Wänden zu sein, ist in jeder Unterhaltung, die man unterwegs aufschnappt, zu spüren. Wie schwer den Bewohnern der Elbstraße die Evakuierung gefallen ist, sieht man an dem Haus mit der Nummer 75. Mit gelber Farbe steht dort auf den Treppenstufen des Eingangs: „Wir kommen wieder, liebes Haus!“ Darunter ist ein Herz gemalt. An der Hauswand hängt ein Plakat: „Danke, liebe Helfer“.
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