Schulendorferin protestiert in der Türkei - Saziye von Appen berichtet aus Istanbul

Saziye von Appen aus Schulendorf (Mitte) demonstriert in Istandbul zusammen mit ihrer Schwägerin und ihrer Schwester (re.)
  Schulendorf/Istanbul (rz). Seit einer Woche halten die Proteste in der Türkei nun schon an. Sie sind entfacht, weil die Regierung um Premierminister Recep Tayyip Erdogan den Gezi-Park, der an den Taksim-Platz grenzt, abreißen und dort ein Einkaufszentrum errichten will. Aber es geht längst nicht mehr nur um den Park, sondern generell um grundlegende Missstände. Die Proteste haben sich auf das ganze Land ausgebreitet.

"Wir haben genug Einkaufszentren"

Mittendrin im Geschehen in Istanbul sind Saziye und Helge von Appen, der Vorsitzende des Vereins Sicheres Wasser ev. (SiWa) aus Schulendorf, die wie alljährlich im Sommer Verwandte in der türkischen Großstadt besuchen. „Wir nehmen an den Demos teil, weil wir der Meinung sind, dass wir genug Einkaufszentren haben, aber nicht genug Parks und Taksim ist sehr wichtig für die Istanbuler. Wir feiern hier vieles, zum Beispiel den 1. Mai, Fußball-Ergebnisse und den gewonnenen Grandprix“, sagte Saziye von Appen mir am Telefon. Per Smartphone hielt die Ereignisse fest und mailte mir Bilder. Die gebürtige Türkin lebt seit 20 Jahren in Deutschland und ist ihrer Heimat sehr verbunden. Sie berichtet, dass sich in der Nähe des Parks auch ein Atatürk-Kulturcenter befindet, das ebenfalls abgerissen werden soll. Das wollen die Demonstranten in Istanbul verhindern.

"Die Polizisten haben wie gegen Feinde gekämpft"

Tausende aus allen Schichten der Bevölkerung gehen deshalb seit acht Tagen auf die Straße und viele bekamen die Brutalität der Polizei am eigenen Leib zu spüren. Die Polizisten hätten wie gegen Feinde gekämpft und keine Gefühle gezeigt, erzählte Saziye von Appen. Das sei nicht nur in Istanbul so, sondern auch in kleinen Städten. Eine Frau sei von fünf bis sechs Polizisten zusammengeschlagen worden, anderen wurden durch Druckwasser aus Wasserwerfern die Knochen gebrochen. Doch die Menschen bleiben bei ihren Protesten und übernachten inzwischen auch auf dem Taksim-Platz. Erdogan hat die Demonstranten abwertend als „Plünderer“ und „Verbrecher“ bezeichnet. Jetzt machen die Menschen bei den Demos vor den Polizeiwachen halt, tanzen, singen die Nationalhymne und rufen im Sprechchor: „Ich bin ein Verbrecher, weil ich demonstriere“. Eine Frau hielt einen Zettel in der Hand: „Hausfrau und Verbrecher“.

Türkische Medien berichten kaum über die Proteste

Saziye von Appen berichtete, dass die Regierung die meisten türkischen Medien wohl fest im Griff habe. Sie würden kaum über die Proteste berichten. Deshalb sei auch kaum bekannt, dass die Unruhen schon am 1. Mai, dem Tag der Arbeit begonnen haben. Die Regierung hatte die Maidemonstration am Taksim-Platz verboten und den gesamten öffentlichen Transport in der Stadt gestoppt.
In diesen Tagen nutzen die Menschen das Internet und soziale Netzwerke, um Nachrichten auszutauschen. Allerdings gebe es oft keinen Internetempfang und das Telefonieren ist oft nicht möglich. Die Menschen helfen sich mit Senderautos. Sie unterstützen sich auch mit gespendetem Essen. Ergodan hat indessen erklärt, nicht nachgeben zu wollen. So lange Saziye und Helge von Appen in der Türkei weilen, wollen sie an den Demos teilnehmen.
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