Was wird aus dem Zollenspieker?

Der Hotelneubau am Zollenspieker Fährhaus. (Foto: Schwirten (nicht vermerken))
 
Die Zeichnungen für den Neubau. (Foto: Schwirten (nicht vermerken))
Hamburg: Zollenspieker Fährhaus | Es war ruhig in den 70er und 80er Jahren am Spieker. Die Elbfähre Flora pendelte gemächlich zwischen Hoopte und Zollenspieker hin und her. Manchmal machte der Schipper mitten auf dem Elbstrom die Barkasse vom Prahm los, umfuhr diesen, machte an der anderen Seite wieder fest und drehte den Prahm so, dass die Fahrzeuge an der Rampe vorwärts runterfahren konnten. Herbert Plagens hatte seinen Stand am Anleger und verkaufte Fischbrötchen, Bratwürste und Bier. Im Zollenspieker Fährhaus wurden Hochzeiten, Vereinsbälle und Sängertreffen gefeiert. Das Betonwerk, das ein findiger Vierländer Unternehmer auf dem Elbvorland bauen lassen wollte, war vom Tisch. Der Sparladen Lübbers, auf dem alten Elbdeich gelegen, war umgesiedelt worden, das Gebäude abgerissen, der neue Hauptdeich gebaut. Auf dem Spieker schien die Welt in Ordnung.

Doch das Fährhaus verfiel zusehens; die Pächter wechselten mehrfach; schließlich ging es nicht mehr. Es wurde geschlossen, der Abriss drohte. Mit Abreißen von historischen Gebäuden war man damals schnell bei der Hand. Dafür gibt es mehrere Beispiele: Pegelhäuschen, Zollenspieker Bahnhof, Vierlandens ältestes Bauernhaus. Dazu sei angemerkt, dass das Zollenspieker Fährhaus in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges entsand und erhaltenswert war. Der Fährverkehr nach Niedersachsen wurde eingestellt. "Schade", fanden viele hier. Die Feste unterblieben seitdem oder wurden woanders gefeiert.

Dann kam die Rettung: Der Sohn unseres Sangesbruders Bodo Sellhorn sen. interessierte sich für das Fährhaus und entschloss sich, es für eine symbolische Mark von der Hansestadt Hamburg zu kaufen. Er restaurierte es aufwendig, sehr aufwendig und schön! Das Geld dafür kam wohl aus der eigenen Firma, die Ideen aus seinem Kopf. So sammelte er für die Ausstattung Bilder von Vierländer Malern und große Steinplatten aus dem Hamburger Hafen... und Ideen. Wer das Fährhaus von früher und heute kennt, weiß, was da geleistet wurde. Dafür sind viele Anlieger und Gäste Herrn Bodo Sellhorn jun., der leider viel zu früh verstorben ist, sehr dankbar.

Aber Herr Sellhorn war gleichzeitig Unternehmer. Er erstritt sich die Option für einen Hotelbau auf dem Spieker, sozusagen als Gegenleistung. Längere Zeit blieb es aber ruhig. Wir feierten im Fährhaus, saßen im Sommer im Kaffeegarten, im Winter auf der Veranda zum Kaffee, genossen den Ausblick elbaufwärts und elbabwärts und glaubten, unsere kleine Welt am Zollenspieker sei wieder in Ordnung.

Unter neuer Regie nahm die Elbfähre ihren Betrieb wieder auf, zunächst mit unserer alten Flora, später mit neuen Fähren, immer größeren, heute der Hoopter Möwe. Was wäre das Fährhaus ohne eine Fähre? Herr Büchel kam aus dem Hamburger Hafen und übernahm das Kommando für den Fährbetrieb auf seine Art. Es wurde alles perfektioniert, was früher auch so funktionierte. Verbotsschilder, Absperrungen zum Beispiel zum öffentlichen Dampferanleger, vorher jedermann zugänglich, Ampelbetriebe und Fahrspurregelungen, ein eigener Fahrzeugpark - alles etwas überdimensioniert, oder? Rummel und Unruhe machten sich breit. Längst war der Würstchenverkäufer Herbert Plagens mit öffentlicher Hilfe verdrängt worden - die Firma Büchel hat das Geschäft mit Pommes & Co. einkassiert; zugegeben, seine Pommes schmecken besser.

Hamburgs südlichster Punkt entwickelte sich zu einem Dorado für Suzukis, Hondas und Kawasakis aus nah und fern, die insbesondere an Wochenenden, zunehmend auch an Wochentagen, den Ort besetzen. Zu Hunderten. Mittlerweile nicht nur an den Wochenenden. Denn auch für Rentner ist es wohl ein geiles Gefühl, mit so einer Rakete von 100 PS durch die Dörfer zu preschen. Das hat für die Anwohner einige Probleme durch schnelles und rücksichtsloses Fahren, unzulässigen Lärm, Abgase, Müll sowie Schäden an der Grasnarbe des Deiches gebracht. Wenn zum Beipsiel eine Rotte von zehn Bikern gleichzeitig die Rohre öffnet und losdüst, dann zittern im Schrank die Tassen. Für den Imbiss sind die Biker ein gutes Geschäft. Für die hier wohnenden Menschen eine Last.

An das Hotel hat hier lange keiner mehr gedacht. Doch dann ging es los. 2009 - den ganzen Sommer über, bis in den Oktober hinein, wurde außen am Deich gerammt, ein Pfahl neben den nächsten, die ganze Baustrecke entlang. Ein Baukran schwang seinen Ausleger auch über die Straße und die benachbarten Grundstücke. Keiner ist dazu gefragt oder auch nur darüber in Kenntnis gesetzt wirde, Nun haben wir schon die Mitte des Jahres 2011 erreicht. Nach zwei Jahren Baulärm ist ein Ende nicht in Sicht, Das Monstrum von Gebäude, wuchs, höher und höher, länge rund länger. Wie niedlich neben dem großen Fährhaus sieht es doch auf der Zeichnung aus, die dort noch immer zu besichtigen ist. Und wie groß und gewaltig sieht es in Wirklichkeit neben dem kleinen Fährhaus aus. Da kommt schnell der Gedanke auf, ob der Bau wohl den genehmigten Bauplänen entspricht?

So etwas, was da entsteht, habe ich nicht für möglich gehalten. Ich frage mich, wie für so etwas von den Behörden eine Baugenehmigung erteilt werden konnte. Außendeichs, im Tidenbereich der Elbe, darf nach meinem Wissenstand überhaupt nicht gebaut werden, oder gibt es vielleicht zweierlei Recht? Den Anliegern wird die Elbsicht versperrt; sie müssen zusätzlichen Lärm und Trubel durch das Bauen und nach Fertigstellung den Hotelbetrieb erdulden. Das Zollenspieker Fährhaus hat viel von seinem Charme eingebüßt. wahrscheinlich werden Deich und Deichverteidigungsstraße noch mehr zugeparkt, als das jetzt schon an den Wochenenden der Fall ist. Der Zollenspieker ist total verändert. Dierekt neben dem Naturschutzgebiet Zollenspieker entsteht ein Monstrum mit ungewisser Zukunft. Anlieger fühlen sich übergangen. Nicht einmal zum Richtfest wurden die Nachbarn eingeladen. Man blieb lieber unter sich. Ob sie gekommen wären, ist eine andere Frage. So sieht also die neue Zeit auf dem Spieker aus.
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